Bauen im Bestand schafft neuen Wohnraum und bewahrt mit der Baukultur die Identität einer Stadt


Wenn der Architekt Frank Püffel auf den Balkon hinaustritt, sieht er auf eine Welt, die es noch zu erbauen gilt. Der Himmel, die Dächer und unter den Dächern ein Weg in die Zukunft des Städtebaus. „Lauter unausgebaute Räume, in denen man neuen Wohnraum schaffen kann“, sagt er. „Millionen von Quadratmetern allein in Bremen.“

Eine Studie der Technischen Universität Darmstadt untermauert seine Perspektive: Allein durch Dachaufstockungen bestehender Altbauten in den deutschen Städten, heißt es darin, könnten rund 1,5 Millionen neue Wohnungen geschaffen werden. Tatsächlich sind es wesentlich mehr, denn für diese Studie wurden ausschließlich Gebäude berücksichtigt, die für den Denkmalschutz und den Erhalt des Stadtbildes von Bedeutung sind.

„Bauen im Bestand“ ist nicht nur eine Möglichkeit, Wohnungsnot zu lindern, in ihm verbinden sich soziale, wirtschaftliche und kulturelle Interessen. Städte können dadurch sinnvoll nachverdichtet werden. Baukultur wird erhalten und mit ihr die Identität einer Stadt. Ihre Architektur ist schließlich ein Teil ihrer Geschichte.

Für Frank Püffel gehört „Bauen im Bestand“ zur Architektur seiner eigenen Geschichte. Der Bestand war das Haus seiner Großmutter in der Kohlhökerstraße in Bremen. Als Junge hatte er sie dort häufig besucht, als junger Architekt war er in das herrschaftliche klassizistische Gebäude verliebt. „Nach dem Tod meiner Großmutter wurde das Haus verkauft, ich habe bitterliche Tränen geweint.“

Sie sollten bald trocknen. So eindrucksvoll das Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts das Straßenbild auch schmückte und immer noch schmückt, von den Räumen bis zur Haustechnik war es völlig veraltet. Es musste umgebaut, den Bedürfnissen und dem Lebensgefühl der Gegenwart angepasst werden. Weil auch dem neuen Besitzer Stil und Geschichte des Gebäudes am Herzen lagen, sollte sein Charakter unbedingt erhalten bleiben. Und dann erfuhr er, dass es einen Architekten gab, dem dieses Haus von seiner Kindheit an vertraut war …

„Über fast zwei Jahre habe ich dieses Haus dann umgebaut“, erinnert sich Frank Püffel. Und als alles fertig war, bezog er im großmütterlichen Haus sein erstes eigenes Büro. Es war der Beginn seiner Selbstständigkeit. Er war fünfunddreißig Jahre alt. „Bauen im Bestand war mein erster großer Auftrag.“

Fast zwanzig Jahre später kehrte er als Architekt in die Wohnwelt seiner Großmutter zurück. In ein hochherrschaftliches Haus, fünfzig Meter weiter, Kohlhökerstraße 62. Das denkmalgeschützte Gebäude mit zwei exklusiven Belle Etagen sollte modernisiert, sein Wohnraum durch eine Dachaufstockung erweitert werden. Püffel war inzwischen Anfang Fünfzig und hatte sich längst einen Ruf als Spezialist für den stilvollen Umbau von Altbauten erworben. Ebenso wie ein gut funktionierendes Netzwerk von Partnergewerken, die den hohen Anspruch an bauliche Maßnahmen mit ihm teilen. So wurde z. B. das Baunternehmen Grotkop mit den Bauarbeiten beauftragt, da sich die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Fachleuten in der Vergangenheit oft bewährt hatte. Ein Bauvorhaben dieser Komplexität stellt oft ungeplante Anforderungen, die durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe gemeistert werden.

Klaas Janke, einer von fünf Architekten, die heute zum „Büro Püffel“ gehören, war der Projektleiter des Umbaus. „Die erste Belle Etage ist Bestand geblieben“, erklärt er. „Doch von der zweiten Belle Etage bis zum Dach haben wir insgesamt drei Etagen komplett umgebaut. Was jetzt unter dem Dach Wohnraum ist, war vorher eine Art Spitzboden mit einem kleinen Erker davor. Völlig ungenutzt, allenfalls zum Wäschetrocknen oder als Lagerfläche.“

Unter dem alten Walmdach war das Volumen für die beiden geplanten Wohnungen nicht zu gewinnen. Also musste es verändert werden und wurde zum Satteldach. Damit veränderte sich auch die Fassade. Der Entwurf musste vom Landesamt für Denkmalpflege abgesegnet werden. Die Denkmalschützer waren überzeugt. Mit seiner einheitlichen Geschlossenheit, befanden sie, sei das neue Dach für das Gebäude ästhetisch sogar ein Gewinn.

Nach intensiver Abstimmung mit den Nachbarn mussten nur noch die neuen Schornsteinzüge mit dem Schornsteinfeger geregelt werden.

Unter dem neuen Dach entstand eine neue, puristische moderne Wohnwelt als Antithese zur klassizistischen Fassade. Die zweite Belle Etage aber hat ihren Altbaucharakter behalten. Vier Meter hohe Decken mit Stuck und Ornamenten gehörten zur kostbaren Hinterlassenschaft einer vergangenen Stilepoche.
Zwei Lebenskulturen und Baustile wurden nun zu einer neuen Wohnlandschaft miteinander verschmolzen.

Dem Licht wurde mehr Raum gegeben und den Räumen mehr Weite. Für sich abgeschlossene Räume, in denen sich das Lebensgefühl der Generation seiner Großmutter ausdrückt, wurden geöffnet. „Jetzt hat man in der Wohnung einen diagonalen Durchblick in alle Richtungen“, erklärt Frank Püffel. Durchblicke, die sich mit jeder Position wandeln, sodass die Raumbegrenzungen aufgelöst werden. Ein Raumkontinuum.

Durch eine mehrfach durchbrochene Wand, die zuvor das lichtarme Esszimmer vom dämmrigen Flur trennte, strömen jetzt Luft und Licht. Die formstrenge nordische Klarheit der Architektursprache erhält durch die Gliederung der Pfeiler mit ihrer Anmutung von Arkaden eine räumliche Grazie.

„Wir haben neues Parkett reingelegt, wo Teppiche lagen, die ganzen Wandoberflächen haben wir heller gemacht, Ornamente und Stuck heraus-gearbeitet und teilweise auch die Türen“, erzählt Klaas Janke. „Was neu ist, haben wir reduziert und klar gegen das Alte gesetzt, damit ein Kontrast entsteht, der alles lebendig macht.“ Schränke aus Kirsche, von dunklem Holz eingefasste Türen und Durchgänge treten nun aus ihrer langen Vergangenheit hervor wie für die Wohnung neu geschaffen.

„Das Tolle ist doch, wenn zwei Welten aufeinandertreffen und miteinander verbunden werden“, sagt Frank Püffel. In einem seiner Grundsätze enthüllt sich ein biografischer Kern. „Unsere Architektur versteht sich als Weiterführung und Ergänzung des Vorhandenen. Sie sollte Erinnerung wach-rufen, denn Erinnerung bedeutet Emotion.“

 

Fotos: Püffel Architekten

Durch Reduktion werden alte Stilelemente herausgearbeitet und setzen so eindrucksvolle Akzente in einer modernen Wohnwelt.

Durch die Dachaufstockung wurde eine komplett neue Etage geschaffen, inklusive großzügiger Balkone und Dachterrassen.

PÜFFEL ARCHITEKTEN

Frank Püffel gründete 2001 sein eigenes Büro: Püffel Architekten. Mit seinen fünf Mitarbeitern hat sich der gebürtige Bremer eine besondere Kompetenz auf dem Gebiet „Bauen im Bestand“ erworben.
 

PÜFFEL ARCHITEKTEN – Kohlhökerstraße 53 – 28203 Bremen – Telefon 0421 1687590
www.pueffelarchitekten.de