Vom Milchviehhof zum „Studentshouse“ – die Fortsetzung einer Familiengeschichte.


Für Generationen gehörten muhende Kühe und das Aroma des Milchviehhofs der Familie Windler zwischen Ottostraße und Kantstraße zum Heimatgefühl. Die letzten der einst achtzig Milchkühe sind schon lange verkauft, Ställe, Kühlräume, Heulager abgerissen und das alte Wohnhaus an der Ottostraße ist einem dreistöckigen Gebäude gewichen, dessen Bau sich an diesem Spätsommertag in der Endphase befindet.

Wie Gerhard Windler auf dem Fundament des Obergeschosses steht und über das Nachbargebäude mit dem begrünten Flachdach und der Solaranlage hinweg zu den Häusern der Kantstraße hinübersieht, könnte man sagen, er stünde über seiner Vergangenheit und blickte in die Zukunft. Er ist einundsiebzig, bald wird er mit seiner Frau Annedore noch einmal umziehen. In eine der Wohnungen, die hier oben unter den Betonskeletten der Gauben entstehen.

Seine künftigen Mitbewohner in dem Gebäude mit der sandsteinfarbenen Klinkerfassade und den regelmäßigen Fensterreihen könnten seine Enkel sein. Es ist ein „Studentshouse“, ein privates Wohnheim für Studenten, Auszubildende, Praktikanten, bestehend aus zwei nachbarlichen Gebäuden mit insgesamt 74 Apartments.

Richtung Neuenlander Straße fällt sein Blick auf die Ziegelmauer, die das 1903 von seinem Großvater erworbene Areal von einem Garagenhof trennt. Ein dunkler Streifen an der Mauer bezeichnet den Verlauf des Kuhstalls, den der Landwirtschaftsmeister Gerhard Windler vor fast vierzig Jahren dort gebaut hat. Die letzte Spur eines vergangenen Lebens.

Mitten in einem dicht besiedelten Wohngebiet sei eine Landwirtschaft mit einer zwangsläufig begrenzten Anzahl von Milchkühen wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll gewesen, erklärt Gerhard Windler, blickt auf seine Kinder Andreas und Rebecca, die mit ihm dort oben stehen und zitiert Goethes Faust. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Die Kinder lächeln. In diesem Geist sind sie aufgewachsen und aus ihm heraus ist das „Studentshouse“ entstanden – ihr neues Familienunternehmen.

Andreas Windler, Volkswirt, Betriebswirt und Geschäftsführer bei „Jacobs-Douwe-Egberts Bremen“ ist 44 Jahre alt und sein Vater sind Gesellschafter. Schwester Rebecca, 27, hat die Verwaltung übernommen, eigentlich ist sie Notfallsanitäterin. Gegenwärtig ist sie noch mit der Vermarktung der letzten Apartments beschäftigt.
Sie alle verbrachten ihre Kindheit und Jugend auf dem Hof, trotzdem war es kein melancholischer Abschied. „… erwirb es um es zu besitzen“, bedeutet schließlich nichts anderes, als das Ererbte zu bewahren und in die Zukunft hinein zu entwickeln. „Ich betrachte das Ganze als eine Nutzungsänderung“, sagt der Senior. „Wo früher achtzig Kühe waren, sind jetzt vierundsiebzig Studenten.“ Er lacht in sich hinein, der saloppe Witz drückt nämlich verhüllt eine Lebenshaltung aus, die zum Fundament des „Studentshouse“ gehört: Fürsorge und Familie.

„Dies ist unser Familienprojekt. Ein fremder Investor kam für uns nie inFrage.“

„Jedes Jahr bekamen wir Kinder zum Geburtstag und zu Weihnachten eine Kuh“, erinnert sich Rebecca Windler. Schöne rotbunte Kühe, die einen Namen hatten und zur Familie gehörten. „Wenn ich bei der Vorstellung des Objekts erwähne, dass wir ein reines Familienunternehmen sind und uns keiner dreinzureden hat, sind die Eltern, meistens sind es die Mütter, begeistert“, erzählt sie. Keine Immobiliengesellschaft, der das Leben hier egal ist und die das Objekt, wenn die Rendite drin ist, wieder verkauft. „Ein Investor“, ergänzt ihr Bruder, „kam für uns nie infrage.“

Unter dem Zustrom junger Leute hat sich das einstige Kleinbürger- und Handwerker-Quartier zum Szeneviertel gewandelt. Jahr für Jahr steigt die Anzahl der Studenten an der nur gut einen Kilometer entfernten Hochschule am Neustadtswall um vier bis acht Prozent. Ein Pfund in der Hand der Familie bei ihrem jahrelangen Kampf mit den Behörden um die Baugenehmigung.
Die Stadt braucht dringend Wohnraum für Menschen in der Ausbildung. Allein für sie wurde das „Studentshouse“ gebaut. Länger als fünf Jahre darf niemand bleiben. Das Motto „Apartments für deine beste Zeit“ weist schon auf den Übergang in den sogenannten Ernst des Lebens hin. „Deine beste Zeit…“ Andreas Windler kennt Wünsche und Bedürfnisse seiner Mieter aus nächster Nähe.

Sein ältester Sohn Alexander ist 22 Jahre alt – das Durchschnittsalter der Bewohner im „Studentshouse“. Also hat jedes Apartment einen Internetanschluss, Highspeed aus dem Glasfaserkabel. Für die Waschmaschinen im Keller braucht man keine Münzen, der persönliche Waschtag wird über eine App organisiert, so gibt es keine Wartezeiten.

Die Apartments, 17 bis 45 Quadratmeter groß, sind komplett möbliert, Bad mit Dusche, Küche mit Besteck und Geschirr, ein Bücherbord. Außer Bettwäsche brauchen die nichts mitzubringen“, sagt Andreas Windler. Die Kosten für Strom, Wasser, Heizung sind im Mietpreis eingeschlossen. Preiserhöhungen auf dem Energiesektor trägt der Vermieter. „Und die Betten“, sagt Andreas Windler grinsend, „haben wir ein bisschen breiter ausgesucht. Mit neunzig Zentimetern kommt man nicht immer hin.“

Wenn Andreas Windlers ältester Sohn das Alter seines Vaters erreicht hat, werden ein halbes Dutzend Studien- und Ausbildungsjahrgänge von hier ins Leben gegangen sein. Andreas Windler sieht darin nach all den Schwierigkeiten bei der Pfahlgründung auf dem schwammigen Boden, der komplizierten Statik, dem Gezerre mit Behörden seine Erfüllung und auch persönliche Genugtuung: Aus der eigenen Vergangenheit etwas für nachfolgende Generationen schaffen.

Die 30 Apartments des dreistöckigen Gebäudes im Innenhof waren umgehend vermietet. Bald wird auch im Haupthaus neues Leben eingezogen sein. Die Baugeschichte ist dann zu Ende, die Familiengeschichte geht weiter. Ein Erbvertrag regelt, dass Anteile am Unternehmen nur an Kinder weitergegeben werden können.

 

Fotos: Michael Ihle | Karin Raschke | ADLER Solar

Generationen und Gebäude: Gerhard Windler mit seinen Kindern Andreas, Rebecca und dem Enkel Alexander zwischen den Mauern des neuen„Studentshouse“ und dem alten Kuhstall vom Milchviehhof.

Mit Solaranlagen ist auch die Energieversorgung des Studentshouse ganz auf die Zukunft ausgerichtet. Wie seine Bewohner bei ihrem Start ins Berufsleben.

Ein großes Fenster zur Straße, Arbeitsplatz, Bücherbord, Schränke und ein breites Bett. Wer hier einzieht, braucht außer Bettwäsche nichts mitzubringen. Doch länger als maximal fünf Jahre Ausbildungszeit darf niemand bleiben.

STUDENTSHOUSE BREMEN-NEUSTADT

Rebecca Windler, gelernte Notfallsanitäterin, verwaltet das Studentshouse, damit ihr Vater und ihr älterer Bruder als Gesellschafter ruhig schlafen können. Sorgt für ein geregeltes Leben und berät junge Mieter in spe.

 

Studentshouse Bremen-Neustadt – Ottostraße 13–15 – 28201 Bremen – Telefon 0179 4832718
www.studentshouse.de