Die Entwicklung zu einem Unikat: Am Anfang Kompromiss – am Ende Avantgarde.

An einer Straßenecke eines Neubaugebiets in Osterholz-Scharmbeck steht ein Haus, vor dem viele stehen bleiben. Manche schütteln verständnislos den Kopf, andere holen das Handy heraus und machen ein Foto. „Dies ist ein Haus, an dem man nicht einfach so vorbei geht“, sagen Miriam Zarrouk und Gunnar Segelken, denen es gehört.

Es ist ein anthrazitgrauer Würfel, umhüllt von einer Trapezblechverkleidung, wie man sie von Industriebauten kennt. Die Gebäudehülle steht im Einklang mit den gleichfalls anthrazitgrauen Sonnenschutzlamellen vor den großen Südfenstern, die im geschlossenen Zustand die horizontale Linienführung der Blechverkleidung fortsetzen. Mit den anderen Häusern dieses „Komponistenviertel“ genannten Gebietes freilich harmoniert dieser graue Würfel etwa so wie ein paar Takte Strawinsky, die in ein Mozart-Konzert hinein komponiert wurden.

An ein solches Haus hatten anfangs weder die Bauherren, noch ihr Bremer Architekt Markus Riebschläger gedacht. Seine Baugeschichte begann in pragmatischer Nüchternheit. „Wir möchten ein energetisch gutes Haus, das nicht zuviel kosten darf.“ Diesem Wunsch fügten die Bauherren noch eine eigentlich ganz harmlose Erklärung an: „Über alles andere kann man reden.“

Ein solcher Nachsatz, doch das konnten sie nicht wissen, trifft in jedes Architekten-Herz: „Ein Bauherr“, so Riebschläger, „der sich ergebnisoffen auf einen Planungsprozess einlässt, ist nicht selbstverständlich“. Umso mehr fühlte er sich herausgefordert, die beiden wesentlichen Vor-gaben zu Kosten und Energieeffizienz einzuhalten und das zu schaffen, was am Ende tatsächlich auch herausgekommen ist: Ein normales Einfamilienhaus in Plusenergiebauweise zu den Kosten eines durchschnittlichen Kataloghauses.

Auf dem Weg dorthin schuf der Architekt zunächst einmal einen Bauraum in den Köpfen seiner Auftraggeber: „Träumen Sie doch einfach erst einmal ihr Haus.“

„Das war“, erinnert sich Gunnar Segelken, „ein bisschen wie Weihnachten in der Kindheit. Und dann haben wir uns gesagt: Okay, jetzt schreiben wir das einfach mal alles auf.“

Weil beide Lehrer sind, brauchten sie zwei Arbeitszimmer. Die Fenster sollten hoch sein, möglichst sogar bodentief. Viel Licht im Haus. Ein offener Wohn-Ess-Bereich. Zwei Kinderzimmer. Und weil sie zuvor in einem Altbremer Haus wohnten, dessen hohe Decken und Holzfußboden sie geliebt hatten, fand auch das in ihren Haustraum Eingang.

An einen avantgardistischen Wohnwürfel aber hatten sie auch da noch nicht gedacht. Für Gunnar Segelken ist das eine amüsante Erinnerung: „Ich habe immer gedacht, Häuser sehen eben so aus, wie sie hier im Allgemeinen aussehen. Klinker, Putz und Satteldach.“ Im Übrigen war das Haus ihnen zunächst von innen sowieso wichtiger, als seine äußere Erscheinung.

Auf dem annähernd quadratischen Grundstück entwickelte Riebschläger ein Split-Level-Konzept, das auf knapp 130 qm Wohnfläche neben dem Erdgeschoß mit Küchen-, Ess- und Wohnbereich zusätzlich fünf weitere Zimmer bietet. Die versetzten Ebenen erbrachten die gewünschten lichten Raumhöhen zwischen 2,4 und 3,3 Metern. In der Konstruktion wurde es ein Holzrahmenbau. „Der bot uns zusätzlichen Raum, weil er bei gleicher Grundfläche mit dünneren Außenwänden den gleichen Dämmwert erreicht, wie zum Beispiel ein Haus aus Stein mit davor gesetzter Wärmedämmung.“

Außerdem hätten sie sich schon aus ökologischen Gründen für den Holzrahmenbau entschieden. Schließlich sollte es auch ein „grünes Haus“ werden. So bekam es eine Abluft-Wärmepumpe kombiniert mit zentraler Komfortlüftung, die raumweise Zu- und Abluft regelt. Das keilförmige Pultdach wurde komplett mit einer Photovoltaik-Anlage belegt. Für das komplette Paket beauftragte der Architekt das ortsansässige Unternehmen Solidee, denn damit lag die Kompetenz für Photovoltaikanlagen direkt vor der Tür und das Know-how für die gesamte Elektrik und Haustechnik gleich mit.

„Eine besondere Bedeutung kommt bei dem Split-Level-Konzept der Treppe zu“ so Riebschläger. Eingebaut wurde eine Treppe aus gewachstem Stahl mit Eichenholzstufen und -handlauf. Das Geländer besteht aus komplett geschlossenen Stahlblechen, die sich als magnetische Pinnwände schnell größter Beliebtheit erfreuten. Doch irgendwann mussten sich die Bauherren entscheiden, wie das Haus von außen aussehen sollte. „Als wir das Trapezblech sahen – es waren anfangs nur kleine Proben – fanden wir es auf den ersten Blick schon seltsam“, erinnert sich Gunnar Segelken. „Aber irgendwie war es auch cool.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Farbe der Außenhaut noch nicht klar. Dass sie dann den gleichen grauen Farbton wählten, der auch schon bei den Fenstern, dem Sonnenschutz und der Photovoltaik gewählt worden war“, trug den Bauherren ein stilles Lob ihres Architekten ein. „Ich war über den Mut der Bauherren bei der Farbwahl ehrlich gesagt erstaunt“, erklärt Markus Riebschläger. „Diese Bereitschaft zur konzeptionellen Stringenz findet man bei Laien eher selten.“

Wer heute vor dem fertigen Haus steht kommt nicht auf den Gedanken, dass die Wiege des Ungewöhnlichen ein Kompromiss gewesen ist. „Die Trapezblechfassade“, erinnert sich der Architekt, „ergab sich erst relativ spät im Planungsprozess und wurde neben gestalterischen, auch aus finanziellen Erwägungen entschieden. Eine Putzfassade zum Beispiel wäre zum Teil erheblich teurer gewesen.“

So zeigt das „graue Haus mit dem grünen Herzen“ am Ende eindrucksvoll, dass gerade auch aus der Notwendigkeit weitreichender Kompromisse heraus eine vielleicht unerwartete Qualität entstehen kann.

 

Fotos: Jens Lehmkühler, Portraitfoto: Jan Rathke

„Ich habe immer gedacht, Häuser sehen eben so aus, wie sie hier im Allgemeinen aussehen.“

Architekturbüro Riebschläger

Markus-Riebschlaeger

Markus Riebschläger gehört als Architekt zum Verbund der Energie-Experten, Partner von energiekonsens und deckt neben der Baubegleitung auch den gesamten Bereich der Energieberatung zum Energiesparhaus (70/55/40) ab. Stellt Energieausweise aus und berät Bauherren bei der Beschaffung von Fördermitteln.

Architekturbüro Riebschläger – Ostertorsteinweg 70/71 – 28203 Bremen – Telefon 0421 95899155 – info@riebschlaeger-architektur.de