Genormt und doch frei. In der Treppe verbinden sich Stil und Zweck.


Es gibt den „Architekten des Jahres“ und das „Haus des Jahres“, den „Boden des Jahres“ und das „Dach des Jahres“. Was wären sie alle ohne die Treppe? Und so ist es mehr als gerecht, dass es seit 2006 auch eine Wahl zur „Treppe des Jahres“ gibt. Schließlich ist sie nicht nur ein Bauteil, sondern ein Sprache gewordenes Sinnbild. Aufstieg und Abstieg, die Treppe rauf- oder runterfallen – Metaphern für eine geglückte oder missglückte Bauphase der Lebensarchitektur.

Tatsächlich waren die ersten Treppen vor etwa 10.000 Jahren nicht nur eine Weiterentwicklung der Leiter, sondern führten in prähistorischen Sakralbauten buchstäblich zu einer „höheren Welt“. Ihre Steigung war allerdings nicht nach dem menschlichen Trittmaß bemessen, sondern nach kultischen Grundsätzen.

Dass es bei der von dem Treppenbaufachportal „Treppen.de“ durchgeführten Wahl gleich 16 „Treppen des Jahres“ gibt, beruht nicht allein auf dem modernen Lebensgefühl, das nach offenen Wohnräumen strebt und dabei die Treppe als Teil der Raumgestaltung für sich entdeckt hat. Ihre vielgestaltige Rolle in der Architektur unserer Gegenwart ist lediglich die Fortsetzung ihrer jahrtausendealten Geschichte.

Die in diesem Jahr prämierten Treppen in den 16 Kategorien wie „Trend“ und „Zeitlosigkeit, „Moderne“ und „Tradition“, „Formensprache“ und „Skulptur“, „Extravaganz“ oder „Geradlinigkeit“ haben historische Vorläufer. In den Kathedralen des Mittelalters, in Schlössern der Renaissance und des Barock, Opernhäusern und Palästen. Immer war die Treppe ein Ausdruck von Stil und des besonderen Anspruchs dessen, der sie erbauen ließ.

Seit dem Tag, an dem zum ersten Mal ein schlichtes mehrstöckiges Wohnhaus errichtet wurde, ist sie ein klassenloses Bauelement – die einläufige, gerade Treppe, die nichts mehr will, als zwei Stockwerke miteinander verbinden, und deren Varianten sich in einem Zwischenpodest und einer Drehung des Treppenlaufs erschöpfen.

In der Vorschrift des Deutschen Instituts für Normung (DIN) aber ist sie als reine Funktionstreppe ihren kunst- und prachtvolleren Schwestern gleich. Der eleganten Einholmtreppe, gewendet und freitragend ebenso wie der spektakulären Spindeltreppe, deren Stufen direkt an einer Säule im Kern der Treppe befestigt sind, oder der minimalistischen Kragarmtreppe mit ihren scheinbar aus der Wand hervorragenden Trittstufen. Für sie alle gilt DIN 18065.

Hier ist mit dem Auftritt der Treppe nicht ihre eindrucksvolle Erscheinung gemeint, sondern schlicht das technische Maß für die optimale und sichere Begehbarkeit, auf die Treppenbauer wie Architekt verpflichtet sind. Wie in der Architektur, wird auch beim Treppenbau Mathematik umgewandelt in Form.

Die Schrittmaßregel wurde zu einem der wichtigsten Planungsgrundsätze. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass sich die menschliche Schrittlänge auf Steigungen um das Doppelte der Höhe vermindert. Ein Beispiel: 2 x 17 cm Stufenhöhe ergeben 34 cm, woraus sich als Auftrittsbreite 29 cm ableiten, um das vorgegebene Schrittmaß von 63 cm zu erreichen.

Der Trend zu geöffneten Wohnräumen hat die Treppe in unserer Zeit zunehmend zu einem Gestaltungselement gemacht. Ein Bauteil, das zweidimensionale Ebenen im dreidimensionalen Raum miteinander verbindet. So ist aus der Haustreppe von einst, die lediglich Wohnräume miteinander verband, die Wohnungstreppe geworden. Eine Skulptur, bei deren Entstehung Treppenbauer und Architekt häufig zusammenarbeiten.

2018 bewarben sich 373 Treppenanlagen um die Auszeichnung „Treppe des Jahres“. Treppen aus Holz, Stahl, Glas, Beton, Faltwerktreppen, Raumspartreppen, Einholm- oder Doppelholmtreppen, Treppen mit oder ohne Wangen … über ihrer reinen Funktionalität wölbt sich ein Kosmos von Formen, Designs, Stilarten.

In ihrer Funktion und als Abbild ihrer Zeit ist die Treppe jedoch gleich geblieben. Als jüngste Entwicklung hat Tilo Hauck, Geschäftsinhaber von Treppen.de, „ein zunehmendes Bewusstsein für eine ökologische Lebensweise“ ausgemacht. „Bodenständigkeit und Naturbezug sind wichtige Aspekte zahlreicher moderner Treppenanlagen.“

 

Fotos: Treppen.de, T-K-Verlag, Otzipka | Treppenbau Voß, Nils Bergmann

 


 

planeins Interview mit Tilo Hauck (Inhaber des Treppenportals Treppen.de)

Das Portal Treppen.de gibt es seit 20 Jahren mit nunmehr ca. 22.000 Mitgliedern. Wie schaffen Sie es, dass sich so viele Fachbetriebe konstant an die Plattform binden?
Das Portal gibt es seit 20 Jahren mit nunmehr über 600 Mitgliedsunternehmen bundes- und europaweit. Die Treppenbauunternehmen schätzen die Einzigartigkeit von Treppen.de als reines Fachportal zum Thema Treppen. Kontakt zu Fachverbänden und den Printmedien für die Pressearbeit runden das Leistungsspektrum ab.

Mit der Treppe des Jahres küren Sie echte Meisterstücke. Trotz der zwölf Kategorien dürfte die Wahl nicht leicht fallen. Wer entscheidet über die Preisträger?
Die Jury besteht aus einem Architekten, einem Zimmermeister, einem Fachredakteur und einem Schreiner-
meister – so ist eine breite Fachkompetenz gewährleistet.

Was raten Sie Bauherren, die eine Treppe in einem Altbau erneuern möchten?
Vor jeder Treppenerneuerung in einem Altbau sollte man einen Fachmann zurate ziehen, um die Rahmenbedingungen im Treppenhaus (Wandaufbau, Befestigungsmöglichkeiten) und dem Wohnumfeld zu prüfen. Der Fachmann kann vor Ort mit Materialmuster den Bauherren die besten Tipps für ihre Wunschtreppe geben.

Was hat Sie darauf gebracht, ein solches Portal einzurichten, worin besteht sein Nutzen?
Da ich selbst Zimmermeister bin und das Thema Treppen zu meinen Leidenschaften gehört, war die Idee vor 20 Jahren geboren, ein Fachportal im Internet zum Thema Treppenbau online zu stellen. Ich wollte Unternehmen die Möglichkeit bieten, ihre Treppenanlagen online zu präsentieren, um so den Nutzen zu schaffen, Handwerker und den Treppeninteressenten zusammenzubringen. Alles nach unserem Motto „Verbindungen schaffen mit Treppen“.

 


 

planeins Interview mit Jens Guderian (Treppenbau Voß)

Wann ist der ideale Zeitpunkt, Sie als Treppenfachmann in die Planung eines Neubaus einzubeziehen?
Die Treppe ist die Visitenkarte des Hauses und Bauherren sollten den Treppenfachmann gleich zu Beginn mit einbeziehen. Design, Ausführung und Geländer sollten zum Stil des Hauses passen.

Wie gehen Sie bei der Beratung vor, damit Ihr Kunde sich ein möglichst realistisches Bild von Ihren Vorschlägen machen kann?
Jeder Kunde hat die Möglichkeit, sich in einem unserer fünf Treppenstudios beraten und inspirieren zu lassen. Jeder hat doch ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn er an eine Treppe denkt. Unsere Aufgabe ist es, dieses Bild zu erfassen. Wir hören genau zu, was unserem Kunden in Bezug auf seine Treppe wichtig ist, und gehen auf diese Vorstellungen ein, berücksichtigen die Designwünsche, schauen, welche Holzart zu den anderen Einrichtungsplänen und Bodenbelägen passt, und wenn nötig planen wir die Treppe auch in 3D.

Bei aller Vielfalt liegt bei Ihren Treppen ein deutlicher Schwerpunkt auf Holz. Was spricht aus Ihrer Sicht für dieses Material?
Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, mit dem sich wirklich jeder Stil abbilden lässt. Eine Holztreppe hat Charakter und strahlt Wärme aus. Der Werkstoff Holz findet sich überall im Haus. Er ist schlichtweg ein wunderbares Material, welches für ein angenehmes, gesundes Raumklima sorgt.

Ihre Kunden bescheinigen Ihnen handwerkliche Präzisionsarbeit und Termintreue. Wie gewährleisten Sie dies so dauerhaft?
Ganz einfach: durch unser Team aus Spezialisten. Es geht los mit dem Aufmaß per Laser auf der Baustelle, das ist zu 100 % genau. Die Daten gehen direkt zur Planungsabteilung, wo die Treppen mit CAD-Software passgenau geplant werden. Von hier geht es an unsere hochpräzisen Maschinen, die die Treppenteile vorproduzieren, die dann von Hand fertiggestellt werden. Am Ende stehen unsere Monteure beim Kunden, um die entsprechende Wunschtreppe fristgerecht und pünktlich einzubauen. Wir produzieren „Made in Germany“.

Die gerade Faltwerktreppe von Treppenbau Voß, in der Holzart Eiche astig, wurde mit TBV Echtholz-Öl Pure geölt. Das Glasgeländer sorgt für hohe Transparenz.

Die Designtreppe aus Stahl und Massivholz von Stadler Treppen wurde Treppe des Jahres 2018.