Die Metamorphose eines schlichten Siedlungshauses aus Ziegelstein.


Wie es da in der norddeutschen Landschaft stand, Wald, Wiesen, weiter Himmel, roter Backstein, Ziegeldach, wirkte es wie das Haus an sich – vier Wände, ein Dach. „Ein klassisches Monopoly-Haus“, sagt Benjamin Wirth. So schlicht, so klar, so bescheiden im Auftritt. „Einfach tugendhaft“, fanden die Architektenbrüder Benjamin und Jan Wirth bei ihrer ersten Begegnung mit dem Haus, das sie mit Anbauten erweitern sollten.

Und so nannten sie es dann auch: „Haus tugendhaft“. Nicht ohne augenzwinkernde Ironie, die jahrgangsmäßig bedingt war, denn das Haus aus den Fünfziger Jahren hätte von ihrem Großvater
erbaut sein können. „Der Bauherr hatte den Wunsch, dass alles Neue ebenfalls Ziegel sein sollte.“, erinnert sich Benjamin Wirth. „Unsere ersten Überlegungen hatten auch andere Materialien in Betracht gezogen.“

Und dann ist es doch Ziegel geworden. Allerdings als Variation – spielerisch, filigran wie ihr Wortspiel „tugendhaft“, das natürlich auf die berühmte „Villa Tugendhat“ von Mies van der Rohe verweist. Das Spannungsverhältnis zwischen dem schlichten Bestandsbau aus den Fünfzigern und den ästhetischen Vorstellungen, mit denen sie, geboren in den Achtzigern, groß geworden sind, ist ohnehin Teil ihrer Architektenphilosophie: Altes mit Neuem verschmelzen.

„Die Erweiterung war eine Konfrontation zweier Epochen. Jedoch nicht als offener Bruch, sondern als Veredelung und Verfeinerung des Bestehenden“, erklärt Benjamin Wirth.

Drei Erweiterungen sollten in das Haus hineingearbeitet werden: Eine Gaubenreihe im Dach mit Blick ins Weite, eine rückwärtige Gaube und ein Wintergarten.

Einige handwerkliche Gestaltungsdetails aus den Fünfziger Jahren, der Dachrahmengiebel mit der dezenten Mauerwerksornamentik, wurden von ihnen aufgegriffen und in ein neues ästhetisches Konzept integriert. „Themen, die schon da waren, haben wir verstärkt und expliziter gemacht.
Architektonischer“, erklärt Benjamin Wirth.
Wo früher nur eine ziegelbelegte Dachschräge war, blickt man jetzt aus den Gauben ins weite Land. Die strenge Geometrie der Fenster im Dach findet sich beim Wintergarten wieder und erhält dort als Element der Leichtigkeit besonderes Gewicht.
Der Wintergarten war eine Herausforderung, weil er gut gedämmt sein musste. „Da werden alle Bauteile unheimlich dick, weil sie mit den ganzen Dämmpaketen eingepackt werden müssen.

Und dann auch noch Ziegel. Wir wollten aber kein klobiges Teil, sondern etwas Filigranes, Feines.“ Benjamin Wirth erinnert sich nur zu gut.

„Letztlich gelang uns das über diese dünnen Stützen.“ In den schmalen, langen Rechtecken der gut gedämmten Fenster verband sich das Ästhetische mit dem Praktischen. Denn wo Fenster waren, brauchten sie keine Mauer, die gedämmt werden musste. Der Sturzbereich über dem Wintergarten wurde mit einem Blech mehrfach abgekantet, so dass die Decke nicht so dick aussieht, wie sie tatsächlich ist.

Prinzip Leichtigkeit. Schmale raumhohe Fenster gegliedert von gleichfalls schmalen raumhohen Mauerstützen verleihen dem Wintergarten bei aller einem Ziegelstein innewohnenden Erdenschwere nun einen leichtfüßigen Rhythmus. Und was lediglich als Anbau gedacht war, wurde zu einer spannungsvollen, dennoch harmonischen Erweiterung des einstigen Monopoly-Häuschens.

 

Fotos: Caspar Sessler

Ziegel konnten sich die Architekten anfangs nicht vorstellen. Doch dann bearbeiteten sie das alte Material in einem neuen Stil und gaben dem Siedlungshaus mit den maßwerkartigen
dünnen Ziegelstreben der Veranda neue Leichtigkeit.

WIRTH ARCHITEKTEN BDA

Für die Brüder Jan und Benjamin Wirth war Bremen die erste Wahl, um nach dem Studium ihre Vorstellungen von Architektur zu verwirklichen. Leidenschaft am Bauen ist für sie wichtiger, als die Frage, wie lukrativ ein Projekt ist.

 

Wirth Architekten BDA – Mathildenstraße 17 – 28203 Bremen – Telefon 0421 70824159
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