Forschen und spielen unter der Stromtrasse. Wenn Architektur sich mit Philosophie verbindet.


Wer kann Menschen, deren Erfüllung darin besteht, sich an ihren Computern in Daten und Extrapolationen zu versenken, dazu verführen, ihre hermetische Welt zu verlassen? Der Architekt natürlich. Indem er ihnen Räume schafft, wo sie von ihrer zielgerichteten Isolation vorübergehend entbunden sind. Spielräume für Ideen im Austausch mit anderen – und für sich selbst. Zum Beispiel kann er ihnen eine Rutsche bauen.

„Die Rutsche war ganz wichtig. Der Auftraggeber wollte sie unbedingt, um Leichtigkeit in das Haus zu bringen, damit man gern zur Arbeit kommt und Spaß hat.“ Oliver Platz erzählt die Entstehungsgeschichte des neuen Gebäudes von Energy & Meteo Systems in Oldenburg mit einem Vergnügen, als würde er dort gleich selbst auf dem Hosenboden aus dem 2. Stock in die Kantine im Erdgeschoss hinunterrutschen.

Er hat mit seinem Team dieses Gebäude am Stadtrand von Oldenburg entworfen und mit der Rutsche zugleich einen Leitgedanken der GRUPPE-OMP ARCHITEKTEN verarbeitet: Der Spaß beim Entwickeln von Ideen mit den Auftraggebern und beim Bauen ist die wesentliche Basis für das Gelingen von Architektur.

Energy & Meteo Systems hat sich dem Klimaschutz durch erneuerbare Energien verschrieben. Mehr als 50 Mitarbeiter forschen hier an ihren Computern nach Möglichkeiten der Integration erneuerbarer Energien, erstellen Leistungsprognosen für Solar- und Windenergieanlagen, senden täglich Millionen Prognosedatensätze an Kunden in alle Welt.

„Unsere Aufgabe bei diesem Gebäude war es, eine Umwelt zu schaffen, die hochkonzentriertes Arbeiten ermöglicht und zugleich die Kommunikation anregt.“ Für einen eingefleischten Nerd klingt das nach Quadratur des Kreises. Nicht so für Oliver Platz und sein Team. Architektur, behaupten sie, wirke in alle Welten hinein – in Körper und Dinge, Gedanken und Gefühle.

„Über den Austausch von Gedanken, über Kommunikation werden Ideen generiert. Und das steckt in diesem Gebäude drin“, erklärt Oliver Platz. „Wie liegen Besprechungsbereiche und Begegnungsräume zueinander. Wie groß muss ein Raum sein, wie groß der Tisch? Wie viel Stühle? Und wo steht die Kaffeemaschine?“ So entstand in dem Gebäude und seinen Räumen aus Geometrien, Farben, Licht, Materialien eine Atmosphäre, in der Klarheit Wärme und Wärme Klarheit hat.

„Über den Austausch von Gedanken, über Kommunikation werden Ideen generiert.“

Alle Arbeitsräume haben zwei große Fenster. Eines zum Flur und auf der anderen Seite eines zur Natur. Man kann in der Gruppe arbeiten, man kann sich separieren, und wer mal gerade nichts und niemanden jenseits seines Computer-Screens sehen will, der zieht einfach die Vorhänge zu.

Betrachtet man das Gebäude von außen, wie es sich auf der grünen Wiese flach unter den Drähten einer Überlandleitung streckt, könnte man auf den Gedanken kommen, es wäre absichtsvoll an dieser Stromtrasse entlang gebaut worden, und in der Vertikale der schmalen Holzlamellen vor seiner Fassade fände sich, in Architektur übersetzt, die Geometrie des hohen Gittermastes wieder. Immerhin wäre damit eine Idealvorstellung der GRUPPEOMP ARCHITEKTEN erreicht: Eine erzählende Dimension, die das Haus mit seiner Nutzung, seinem Bauherrn und seinem Ort verbindet. Doch das war hier nicht gemeint.

Mit seiner Ausrichtung nach Süden und Westen und frei auf der Wiese ist das Gebäude ungeschützt der Sonne ausgesetzt. Die senkrechten, bis zum Boden reichenden, Lamellen verbinden lediglich den Dachüberstand und die beiden ihm entsprechenden kleinen Balkonreihen vor den Arbeitsräumen darunter, die mit Verschattungen vor dem Übermaß an Sonnenstrahlung schützen. „Wenn die Holzlamellen ohne Funktion wären, hätten wir sie nicht gemacht“, sagt Platz. Bloß keine zwanghafte Extravaganz. Ästhetik ist unter anderem auch das Ergebnis der Arbeit am Zweck.

Das Einfache im Komplexen suchen – ein weiteres Motto des Teams –, bedeutet unter anderem, keine Berührungsängste mit dem Offensichtlichen zu haben. Allerdings, und da beginnt die Kunst, solange es am Ende nicht offensichtlich ist. „Wenn wir ein Haus bauen sollen und ringsum sind lauter Häuser mit Satteldach, dann sagen wir erstmal: Ja, warum denn kein Satteldach?“ Was dann aus dem Offensichtlichen werden kann, offenbart sich in dem Haus eines Pastors, das von den GRUPPE-OMP ARCHITEKTEN entworfen wurde.
Es sieht wie ein ganz gewöhnliches Haus aus. Der Pastor und seine Frau wünschten getrennte eigene Bereiche. In der Mitte, leicht erhöht, das große Wohnzimmer, an den Seiten und einander gegenüber liegend, die persönlichen Bereiche. „Es war ein Riesenspaß für uns“, erinnert sich Oliver Platz. Denn durch diese Raumanordnung erhielt das Pastorenhaus den Grundriss einer Dreischiff-Basilika. „Und wo normalerweise die Orgel ist, da steht eine kleine Bibliothek.“ So wird ein Haus zur Metapher für seine Bewohner.

Und die Rutsche in dieser datensatten virtuellen Welt von Energy & Meteo Systems? Sie ist schlicht eine Verführung. Wie die Treppe, um deren Achse sie sich windet und die so schön ist, dass man sich nur schwer entscheiden kann, ob man sich mit ihr verbinden soll, indem man sie betritt oder sie einfach nur betrachtet.

Bei der Rutsche liegt die Verführung nicht in der Schönheit, sondern im Spiel. „Da ist eine Zeitmessung dran, und dann werden da Rekorde gefahren“, erzählt Oliver Platz.
Vom 1. oder vom 2. Stock in die Mensa hinunter in soundsoviel Sekunden. Wenn die Mitarbeiter hier aus ihrer hermetischen Welt am Computer auftauchen, verwandelt sich in ihnen Homo Faber, der schaffende, seine Lebensbedingungen verändernde Mensch, in Homo Ludens, seinen sinnen-frohen Doppelgänger, der nach Schiller erst der wahre Mensch ist. Als solcher kehren sie dann vom Spiel erquickt in die abstrakte Welt von Homo Faber zurück. Und Architektur wird angewandte Philosophie.

 

Fotos: Caspar Sessler

Eine Treppe ist mehr als eine Verbindung zwischen oben und unten. In diesem Gebäude ist sie auch Gestaltungselement und Kommunikationsachse. In der sich um sie herum windenden Rutsche hat sie ihr spielerisches Gegenstück.

Die Holzlamellen vor den Fenstern sind Zweck, in Architektur verwandelt. Sie verbinden den Überstand des Daches mit dem der Balkonreihen vor den Arbeitsräumen darunter und geben
zur Süd- und Westseite Sonnenschutz.

Kommunikation und Rückzugsräume bestimmen die Architektur. Vom Arbeitsplatz bis zur Kantine.

GRUPPEOMP ARCHITEKTENGESELLSCHAFT MBH BDA

Oliver Platz teilt sich die Geschäftsführung der omp-Architektengruppe mit Sven Martens und Oliver Ohlenbusch. 29 „Architektinnen und Architekten aus Leidenschaft“, die das Echte und das Unerwartete lieben.
 

gruppeomp Architektengesellschaft mbH BDA – Oldenburger Straße 123 – 26180 Rastede – weitere Büros in Bremen und Hannover – Telefon 04402 695540
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