Der  Tag der Architektur  ist auch ein Tag des Dialogs zwischen Architekten, Bauherren und der Öffentlichkeit. Eine Plattform für bauliche Möglichkeiten und Perspektiven im Wandel der Bedürfnisse, Ansprüche und der Notwendigkeiten.

Architektur hat Bestand – Das Motto des diesjährigen Tages der Architektur bildet sich nicht allein in den Baudenkmälern ab, sondern ebenso in Stadtvierteln und Wohnquartieren. Einerlei ob sie Jahrzehnte alt sind oder Jahrhunderte. Schon immer drückte sich in der Architektur ein Verhältnis des Menschen zu seiner Zeit und in den Kathedralen und Tempeln sogar sein Verhältnis zur Ewigkeit aus.

„Architektur bewegt“, lautete das Motto vor einem Jahr, und beide Leitsätze kombiniert ergeben eine gedankliche Architektur. Denn Architektur hat dann Bestand, wenn sie Bewegungen in der Gesellschaft und in der Zeit aufnimmt. Und dabei selbst Lebensräume und Lebensgefühle bewegt.

Dazu braucht sie den Dialog mit der Öffentlichkeit, um neue Perspektiven zu entwickeln. „Architekturkommunikation“ ist nicht zufällig zu einem Fachgebiet an Hochschulen geworden. In ganz Niedersachsen, Bremen und bundesweit werden am Tag der Architektur seit zwanzig Jahren Bauwerke und Anlagen unentgeltlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und in Führungen vorgestellt.

„Eine Plattform neue Architektur zu besichtigen, mit Bauherren und Architekten zu sprechen“, erklärt Wolfgang Schneider, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen, zu diesem Sommer-Event, der sich am letzten Juni-Wochenende etabliert hat. Und er spricht von einem „Neben-einander von großen Entwicklungsperspektiven und kleinen, bewohnernahen Bauprojekten“.

Architektur ist nicht nur das Rathaus, ein Geschäftshaus in der City, Hotel, ein Bahnhof oder Parlamentsgebäude. Architektur ist auch die Straße, in der man wohnt. Die Flucht ihrer Fassaden, die Linie ihrer Dächer, die Arabesken von Giebeln und Erkern, an denen man auf seinem Weg nach Hause vorüber geht. Diese Architektur im Alltag freilich ist so selbstverständlich, dass sie als das, was sie ist, häufig gar nicht mehr wahrgenommen wird: Gestaltete Form in einem Lebensraum.

Eben dies wird an diesem Tag im ganzen Land erlebbar, konkretisiert in Beispielen und Fragestellungen der Öffentlichkeit nahe gebracht. Architektur ist nicht nur eine dem eigenen Leben ferne Abstraktion aus Goldenem Schnitt und Tempelsäulen, sondern eine baulich-gestalterische Reaktion auf Herausforderungen der Zeit. Stichworte: Klimaschutz, Energie, sozialer Zusammenhalt.

Explodierende Mieten in den Ballungsräumen, einhergehend mit gestiegener Wohnungsnachfrage, die Balance zwischen individuellem und gemeinschaftlichem Leben in sozial neu durchmischten Stadtstrukturen sind Aufgabe und Verantwortung für den Architekten. Flexible Raumstrukturen, intelligente Grundrisse… Die Bauwirtschaft kann diese Problemstellungen nicht alleine lösen.

Ein markantes Beispiel dafür liefert der durch die Energiesparverordnung dynamisierte Trend, Wohnräume im Sinne der Ökologie luftdicht zu verpacken. Technologisch ist das kein Problem mehr. Doch sollten auch unter den Erfordernissen der Energiewende Fassaden und Charaktere von Gebäuden erhalten werden.

Die Geschäftsführerin des Instituts Wohnen und Umwelt in Darmstadt, Dr. Monika Meyer, traf beim vergangenen Symposium für Baukultur in Niedersachsen den Punkt: „Hohe technische Entwicklungen zum energieeffizienten Bauen sind begrüßenswert, aber es geht auch ohne. Bei der Entwicklung von bauimmanenten Lösungen sind Architekten in besonderem Maße gefordert.“ Damit ergänzte sie die Analyse und mit ihr Forderung von Wolfgang Schneider: „dass die Energiewende mit den bewährten Mitteln der Architektur zu bewältigen ist“.

Am Tag der Architektur ist die bauliche Vielfalt mit ihren Zwecken, Formen, Lösungen zu besichtigen, aber auch mit ihren Möglichkeiten und Perspektiven. Städte, Regionen, Wohnquartiere werden sich auch künftig mit den Ansprüchen und Bedürfnissen der Menschen verändern. Die Architektur hat Bestand.

Titelfoto: Andreas Braun


planeins Interview mit Andrea Geister-HerbolzheimerGeister-Herbolzheimer_freigegeben_cmyk

„Der Tag der Architektur soll Mut machen für innovative Ansätze.“

Andrea Geister-Herbolzheimer ist Mitglied der Jury bei der Auswahl der Objekte für den Tag der Architektur.
Die Diplom Architektin gehört seit 2013 dem Vorstand der Architektenkammer Niedersachsen an. Für die Sanierung des alten Bundesbahn-Wasserturms in Oldenburg wurde sie 1989 mit dem höchsten Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung ausgezeichnet. Im selben Jahr gründete sie das Planungsbüro „Architektin/nen im Wasserturm“. 2001 Gründung und Geschäftsführung der Projektentwicklungsgesellschaft „Wasserturm GmbH“.
Ihre Entwurfs- und Gebäudekonzeptionen wurden mehrmals mit Preisen ausgezeichnet.

Nach welchen Kriterien werden die Objekte ausgewählt, die am Tag der Architektur der Öffentlichkeit präsentiert werden?
Andrea Geister-Herbolzheimer: Das Thema Baukultur soll ja über den Tag der Architektur möglichst einer breiten Öffentlichkeit näher gebracht werden. Wichtig vor allem ist die Qualität des Entwurfes und die gestalterische Umsetzung. Die Bandbreite der ausgewählten Projekte geht dabei von den unterschiedlichen Aufgabenstellungen aus – vom Wohnhaus über die Gewerbehalle bis zur Kita. Aber Regionalität spielt ebenfalls eine Rolle, damit auch strukturschwache Gebiete am Tag der Architektur einbezogen sind.

Sind diese Kriterien in den vergangenen zwanzig Jahren dieselben geblieben?
Abgesehen davon, dass die Jury jährlich wechselt, hat sich an den Kriterien nichts verändert.

Haben sich bei der Auswahl durch Vorgaben der Politik oder auch durch technologische Entwicklungen Akzente verschoben?
Es werden keine Vorgaben durch die Politik vorgenommen. Natürlich versuchen wir als Kammer durch die Auswahl der Gebäude, auch öffentliche Diskussionen anzuregen und damit gerade auch Bauherrn Mut zu machen, innovative Ansätze in der Architektur mit umzusetzen. Als erste Kammer haben wir Barrierefreiheit, Inklusion oder auch Energiewerte als wichtige Planungsaspekte von Gebäuden erkannt und thematisiert.

Wie viele Objekte werden in diesem Jahr an wie vielen Orten präsentiert und wie viele Bewerbungen gab es?
Es wurden insgesamt 135 Projekte ausgewählt und da sich in diesem Jahr der Tag der Architektur 20 Jahre jährt, wurden in der Broschüre außerdem zwanzig weitere herausragende Objekte mit aufgenommen. Sie stehen stellvertretend für wichtige Impulse in der Architektur der vergangenen 20 Jahren, zeigen aber auch die wechselnden Baufelder der Architekten und Bauherrn auf. Für 2015 wurde die Kita Hanna in Oldenburg des Büros 9°Grad ausgewählt, da der Bau von Kindertageseinrichtungen aufgrund der politischen Vorgaben zur Zeit eines der häufigsten Bauaufgaben für Architekten darstellt.

Wie erreichen Sie es bei dieser Fülle jedem Objekt bei der Auswahl gerecht zu werden?
Die Bewerber haben bestimmte Vorgaben. Das Projekt muss in Fotos, Grundrissen und Lageplan dokumentiert werden. Wichtig ist uns auch die Verortung des Gebäudes, also in welchen baulichen Kontext das Projekt steht. Insofern sind Ansichten und Perspektiven zusätzlich hilfreich. Die Eingaben sollten schon sorgfältig gewählt werden, denn es können nicht 200 Objekte, die alle regional gestreut sind, von der Jury bereist werden.

Gibt es bei der Auswahl eine Balance im Verhältnis von privaten und öffentlichen Objekten?
Ich würde sagen das gleicht sich aus.

Wie lange vor dem Tag der Architektur müssen Sie mit der Auswahl beginnen oder ist dies ein kontinuierlicher Prozess von einem Tag der Architektur zum nächsten?
Ab Mitte November bis Anfang Februar können sich Mitglieder online bei uns bewerben. Es werden aber auch alle Architekten, Bürgermeister und Stadtbauräte angeschrieben. Die Jury tagt im Februar. Anschließend wird dann die App von uns vorbereitet und die Broschüren zum Tag der Architektur veröffentlicht.

Foto: Olaf BaumannErbaut im Jahre 2009 gehörte dieses Firmengebäude in Lohne zu den vorgestellten Projekten am Tag der Architektur.
Der Bau wurde 2010 für den Niedersächsischen Staatspreis nominiert.

Foto: Olaf Baumann

Foto: Martin HenzeDieses Gebäude von Stefan Feldschnieders und Tobias Kister wurde als Produktionsstätte konzipiert und seitdem für unterschiedliche Nutzungen umgebaut. Es hat dabei gestalterisch und funktional nichts von einem qualitätsvollen Entwurf eingebüßt.

Foto: Martin Henze