100 Jahre Bauhaus – ein Stil, der immer wieder neu entdeckt wird.


Wer in der Dunkelheit durch Bremer Straßen geht, kann gelegentlich in einem Fenster, einem Erker eine bestimmte Lampe entdecken, die ihn mit ihrer schlichten Sinnlichkeit kurz seinen Schritt verhalten lässt. So einfach, so schön. Und er ahnt nicht, dass er gerade ein historisches Stück Industriedesign erblickt. Die Wagenfeld-Lampe, auch Bauhaus-Lampe genannt. Erfunden von dem im Arbeiterviertel Bremen-Walle aufgewachsenen Wilhelm Wagenfeld.

Wilhelm Wagenfelds Geburtsort hätte nicht passender für die Mission sein können, die ihn in seinem Leben leitete: „Hochwertiges Design von Gegenständen für den Alltagsgebrauch, die auch für ärmere Bevölkerungsschichten erschwinglich sind.“ Das klingt nach Handwerk, war jedoch ebenso ein künstlerischer Impuls.

Wagenfelds Weg zum Bauhaus, das als Wiege der klassischen Moderne in diesem Jahr sein 100. Jubiläum feiert, war damit eigentlich unausweichlich, denn in dem bereits arrivierten Berliner Architekten Walter Gropius hatte er einen Bruder im Geiste. Hochwertiges Design, forderte Gropius, sollte allen gesellschaftlichen Schichten zugänglich sein.

Ein sozialer Grundgedanke, über dem sich ein Manifest der Moderne aufbaute. Als Gropius am 12. April 1919 das „Staatliche Bauhaus in Weimar“ gründete, wollte er nicht weniger als eine Reform der künstlerischen Arbeit: Architektur, Bildhauerei, Malerei müssen zum Handwerk zurückgeführt werden.

Drei Tage nach der Gründung in Weimar feierte Wilhelm Wagenfeld in Bremen seinen 19. Geburtstag und bereitete sich auf seinen Abschluss an der „staatlichen Bremer Kunstgewerbeschule“ vor. Vier Jahre später begann sein Weg zu einem der wirkungsvollsten deutschen Industriedesigner in einer im Ausbildungsgang des Bauhauses vorgeschriebenen Vorklasse.

Ein Musterschüler. Mit 14 Jahren Lehre als Industriezeichner in der Bremer Silberwarenfabrik Koch & Bergfeld, noch während seiner Lehrzeit mit 16 Jahren Besuch der Kunsthochschule, Familienwurzeln in der Arbeiterschaft. Ein Werdegang wie aus der Ideenwelt von Gropius, der im August desselben Jahres auf
der 1. Bauhauswoche in Weimar mit einem Vortrag einer breiteren Öffentlichkeit das Programm seiner neuen Ästhetik vorstellte: „Kunst und Technik – eine neue Einheit.“

„Nur vollkommene Harmonie sowohl in der technischen Zweck-Funktion wie auch in den Proportionen der Formen kann Schönheit hervorbringen.“ Die künstlerische Bewegung „Arts & Crafts Movement“ in England hatte es schon vorher in angelsächsischer Prägnanz auf den Punkt gebracht: „Form follows function.“

„form follows function“

 

Gropius sah keinen Wesensunterschied zwischen dem Handwerker und dem Künstler. Die Bauhaus-Studenten mussten sich deshalb neben der Vorklasse für eine der praktisch ausgerichteten Werkstätten entscheiden, die jeweils gemeinsam von einem Künstler und einem Handwerksmeister geleitet wurden.

Wagenfeld entschied sich für die Werkstatt Metall, wo gleich in seinem ersten Jahr sein großer Entwurf entstand, der unter seinen zahllosen erfolgreichen Industriedesigns der bekannteste geblieben ist: die Wagenfeld-Lampe. Eine Tischleuchte mit einer halbkugelförmigen Glasglocke von zeitloser Schlichtheit und Eleganz. Noch heute wird sie in Bremen hergestellt. Wagenfeld selbst gab der Firma Tecnolumen 1980 die Genehmigung, als weltweit einziges Unternehmen lizenzierte Repliken zu produzieren.

Eine systematische Architektenausbildung gab es in den Anfangsjahren erstaunlicherweise nicht. Erst nach dem Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau wurde 1927 nach den Werkstätten für Weberei, Keramik, Möbel, Typografie und anderen auch eine Architekturklasse eingerichtet.

Zwei Jahre zuvor hatten Ludwig Mies van der Rohe, Mart Stam und Marcel Beuer den Freischwinger-Stahlrohrsessel entwickelt und mit ihm eine Grundidee des Bauhauses umgesetzt: die praktische Verknüpfung von Kunst und Massenproduktion. Die Zusammenarbeit mit der Industrie begann.

Haushaltsgegenstände für den Alltagsgebrauch bekamen eine neue Formensprache. Bestecke, Teekannen, Gläser, Stühle, Tische. Eine Bauhaus-Tapete, Bauhaus-Wiege, Bauhaus-Teppiche. Statt klangvoller Namen, die auf ihren künstlerischen Ursprung hinweisen könnten, wurden sie wie im Industrieprozess mit Seriennummern bezeichnet. Das Produkt 90042: eine Sahne- und Zuckergarnitur für den Kaffeetisch.

„Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau.“ Walter Gropius realisierte die Forderung aus seinem „Gründungs-Manifest“, die als „neue Sachlichkeit“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, 1923 mit dem Musterhaus „Haus am Horn“ in Weimar.

Damals noch als lebloses, maschinelles Bauen von der Öffentlichkeit abgelehnt, wurde es 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Gemeinsam mit dem Bauhaus-Gebäude, dem heutigen „Zentrum für Gestaltung“ in Dessau und den „Meisterhäusern“. Ein Einzelhaus und drei baugleiche Doppelhäuser, in denen Meister der Bauhaus-Schule wohnten, darunter prominente Maler des Expressionismus: Feininger, Kandinsky, Klee. Häuser wie aus dem Baukasten mit ineinander verschachtelten, kubischen Baukörpern unterschiedlicher Höhe nach den Prinzipien Licht und Weite, Leichtigkeit durch Klarheit und Einfachheit. In den Zwanziger Jahren war das Avantgarde. Heute sind es ästhetische Leitsätze, nach denen Architekten ein Lebensgefühl der Gegenwart in Wohnräume und Gebäude übersetzen.

Das jüngste Bauhaus-Objekt für den Massengebrauch stammt wie die Wagenfeld-Lampe aus Bremer Hand. Anfang April 2019 gab die Deutsche Post ein Postwertzeichen „100 Jahre Bauhaus“ heraus, gestaltet von dem Bremer Grafiker-Ehepaar Sybille und Fritz Haase. Nennwert 70 Cent und gedacht für den Versand von Briefen. Nur ein Vierteljahr später erhielt es durch die Portoerhöhung auf 80 Cent schon den Flor des Historischen.

 

Fotos: Tecnolumen | Stiftung Bauhaus Dessau, Yvonne Tenschert

Der aus Bremen-Walle stammende Industriedesigner Wilhelm Wagenfeld.

In Dessau ließ Walter Gropius Häuser für die Bauhaus-Meister errichten. Hier das Meisterhaus Muche/Schlemmer.