Um das ideale Haus zu bauen, muss man den Menschen verstehen, der darin wohnen will.


Das Grundstück, auf dem das Haus stehen sollte, war wunderschön. Doch wie so oft, das Schöne war schwierig. Es war März, als die Bauherrinnen mit ihrem Architekten zum ersten Mal das Grundstück besichtigten. Die angrenzenden Felder waren kahl. Im Herbst würde dort Mais stehen. Was wird dann aus dem Blick? Zur Straße hin gab es ein Wäldchen mit einem Weiher, ein Idyll. Allerdings mit einer Schattenseite:

Es lag nach Süden. Wann und in welchem Winkel steigt die Sonne über die Baumwipfel und wie fällt ihr Licht dann in den Garten ein?

So machten Bauherren und Architekten eine allgemeine menschliche Erfahrung: Wer sich mit dem Schönen glücklich verbinden will, braucht Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen.

Seit Jürgen Schlake vor elf Jahren in Syke sein eigenes Architekturbüro gründete, ist der erste Schritt zum Haus immer der Ortstermin auf dem Grundstück. Zwar sagt er, die Himmelsrichtung sei das A und O, der eigentliche Kompass aber ist sein Gefühl. Für das Grundstück, für die Umgebung – und für den Bauherrn. Als Mensch, nicht als Auftraggeber.

„Man muss nicht nur seine Vorstellung vom Haus kennenlernen, sondern ihn selbst, seine Vorlieben, Lebensgewohnheiten, was er braucht, um sich wohlzufühlen.“ Die danach entstehenden Häuser, sind so individuell zugeschnitten, dass sie, wie er erklärt „mit allen ihren Besonderheiten kaum auf ein anderes Grundstück passen.“

Bei dem Projekt in Okel war die Lage nicht die einzige Herausforderung. Die beiden Bauherrinnen waren unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich in ihren Vorstellungen vom künftigen Haus ausdrückten. „Da muss man dann heraushören, wo für jeden die besonderen Schwerpunkte liegen“, erklärt Jürgen Schlake, „um beiden gerecht zu werden.“

„Die Himmelsrichtung und das Bauchgefühl“

 

Das Haus sollte einen Innenhof haben, jedoch kein Atrium-Haus sein, bei dem Flure den Innenhof säumen. Außerdem handelte es eigentlich nicht nur um einen Gebäudeteil, sondern um drei, von denen einer noch durch den Innenhof geteilt wurde, so dass es man eigentlich von vier sprechen müsste. Das alles sollte zu einem Ganzen miteinander verschmelzen.

In die Natur gebettet, sollte das Haus sich in Form und Wirkung dem Relief der Landschaft anschmiegen. Und dann waren da noch die beiden Hunde. Weil sie zur Familie gehören, war es mit einer Hundehütte nicht getan. Sie brauchten unter anderem einen Raum mit Hundedusche, eine Art Schleuse, ehe sie von draußen in den Wohntrakt kommen.

Jürgen Schlake fasste das Gespräch mit den Bauherrinnen für Julia Brinkmann zusammen, seit zehn Jahren im Architekturbüro und „Teamleiterin Planung“. Und die Arbeit am Entwurf begann. Bei Julia Brinkmann am Computer, Jürgen Schlake mit Zeichnungen und Skizzen von Hand, weil er die Unmittelbarkeit zwischen der Idee und ihrer Übertragung liebt. Es ist ein Übersetzungsprozess der Bauherren-Wünsche in eine nach den Vorgaben von Raum und Nutzung ästhetische Form.

„Von einem bestimmten Zeitpunkt an“, sagt Jürgen Schlake, „muss man sich für den Entwurf geistig vom Bauherren lösen.“ Julia Brinkmann übersetzte diese Wünsche in Sichtachsen, die die Räume nicht nur miteinander verbinden, sondern unter wechselnden Perspektiven ständig neue Bilder schaffen, durch die man sich bewegt. „Das sind Blickbeziehungen, die durch die vielen Fensteröffnungen teilweise drei, vier Glasflächen durchdringen müssen“, erzählt sie. So blickt man vom Flur durch das erste Fenster in den Innenhof, durch das nächste ins Schlafzimmer und durch das dritte Fenster in den Garten.

„Sichtachsen geben Bilder in denen man sich bewegt.“

 

Und wenn man in der Küche steht, kann man durch Glastüren und Fenster in die Landschaft schauen. Fenster- und Türöffnungen sind immer so gewählt, dass man durch den ganzen Raum nach draußen schauen kann.

Das Kunststück bestand darin, bei diesen freien Blickachsen Privatheit zu schaffen. Gäste auf dem Weg in ihren Wohnbereich sollten nicht ins Wohn- und Schlafzimmer blicken. Der Anbau mit dem Gästebereich wurde deshalb separat erschlossen. Eines Tages könnte er als Einliegerwohnung für eine Pflegekraft genutzt werden.

Vom Carport führt nun ein Laubengang an sämtlichen Nebenräumen entlang zu einem separaten Eingang. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass
es mehrere Gebäude und zwei Grundstücke sind.

So großzügig lässt sich nur planen, wo genug Raum vorhanden ist. Die 2200 qm reichten aus, um das Haus von der Straßenseite mit dem Weiher und dem Wald so weit abzurücken, dass die Südseite des Grundstücks immer noch eine Sonnenseite bleibt.

„Uns kam dabei entgegen, dass die Bauherrinnen zusätzlich eine Terrasse nach Norden mit dem weiten Feldblick wünschten“, erklären die beiden Architekten. „Weil das Gebäude nicht hoch ist, kommt das Sonnenlicht auch zum Teil noch auf die Rasenfläche der Nordseite.“ Es ist indessen höher, als es scheint.

Eingebettet in die Landschaft, sollte es auch vom Baustoff mit der Natur verbunden wirken. In einem von Hand geformten, speziell gebrannten Verblender, in Farbigkeit und Relief wie aus dem Erdboden herausgeschnitten, fand die geometrische Form ihre Ergänzung im Material.

Mit 50 Zentimetern ist dieser Verblender doppelt so lang und mit seiner Höhe von 4,2 Zentimetern nur etwa halb so hoch wie das Normalformat. Ein Stein von einem solchen Format und dann noch handgeformt mit Rundungen, Bögen, Unebenheiten ist allerdings schwierig zu verar-beiten. In diesem Fall verlangte er den Maurern ihr ganzes handwerkliches Können ab.

Der Effekt des ungewöhnlichen Formats war, dass sich die Proportionen von Höhe und Breite verschoben und das Haus noch flacher ins Land gebettet erscheinen lassen, als es ohnehin schon ist.

Und dann war da noch das Holz an der Fassade. „Holz kam für die Bauherrinnen am Anfang überhaupt nicht in Frage“, erinnert sich Jürgen Schlake, der auch die Baukleitung des Projekts hatte.

„Wir haben dann für die Pergola, den Carport und die Fassade ein Holz ausgesucht, das auf den Stein abgestimmt ist“, führt Julia Brinkmann diesen Abschnitt der Baugeschichte fort. „Das Holz war mit einem gräulich-silbernen Farbton bereits vorvergraut und sah dadurch schon jetzt so aus, wie normalerweise erst in zwanzig Jahren.“

Stein und Holz, Form und Umgebung – schließlich passte alles zusammen, und der Prozess, der zum Geheimnis des Erfolgs gehört, war wieder einmal erfolgreich abgeschlossen. Die Bauherrinnen bekamen genau das Haus, das sie wollten. Auch wenn sie es sich so gar nicht vorgestellt hatten.

 

Fotos: Ralf Bauer | Stefan Straßenburg


 
Blickbeziehungen und Fluchten sind das Geheimnis für die Stimmigkeit eines Gebäudes – und ebenso für das Wohn-gefühl seiner Bewohner.


 
Die Holzteile an der Fassade wurden durch einen grau-silbernen Anstrich optisch älter gemacht, damit sie harmonisch zum Stil des Verblenders passen.

AJS ARCHITEKTURBÜRO JÜRGEN SCHLAKE

JÜRGEN SCHLAKE war noch keine 40 Jahre alt, als er 2007 sein Architekturbüro gründete. Sein Grundsatz: Um das perfekte Haus zu bauen, muss man den Bauherren als Mensch verstehen.
 

AJS ARCHITEKTURBÜRO JÜRGEN SCHLAKE – Hachedamm 6 – 28857 Syke – Telefon 04242 57763-0
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