Das Bremer Tabakquartier – Modell für eine Lebensgemeinschaft der Zukunft.


Der Zeitgeist liebt den nostalgischen Seufzer – falls er nicht gerade seiner Doktrin vom richtigen Leben zuwiderläuft. Insofern war im vergangenen Sommer etwas Außergewöhnliches geschehen, als der Hempenweg in Woltmershausen einen neuen Namen erhielt: „Am Tabakquartier“.
Ein Zeichen, welche Bedeutung das über 20 Hektar große Areal des ehemaligen Zigarettenfabrikanten Martin Brinkmann mit seinen zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden für den Masterplan „Vorderes Woltmershausen“ hat.

Ein fünfzig Jahre alter „Bremer Grundsatzbeschluss“ erlaubt die Umbenennung von Straßen nur „unter übergeordneten Gesichtspunkten“. Die sind gegeben. Im Tabakquartier wird
das Modell einer Stadt der Zukunft erbaut.

Zwei technische Revolutionen veränderten tiefgreifend das Gesicht der Städte und das Lebensgefühl ihrer Bewohner: Die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert und die digitale Revolution der Gegenwart. Beide werden im Industriedenkmal Tabakfabrik durch die Projektentwickler und Eigentümer von Justus Grosse verbunden – und miteinander versöhnt. Dampfmaschine trifft Mikrochip.

Das monumentale Ziegelsteingemäuer der Fabrik mit ihrem Kesselhaus und dem hohen Ziegelschornstein entstammt dem Industriezeitalter, das die Trennung von Arbeitswelt und Lebenswelt hervorbrachte. Innerhalb seiner Backsteinmauern jedoch und auf dem ehemaligen Fabrikgelände werden beide Welten wieder zusammengeführt. Zwischen Lagerhallen und Tabakspeichern entsteht unter Solarzellen und begrünten Dächern, vernetzt mit Glasfaserkabeln für ultraschnelles Internet, eine zukunftsweisende integrierte Lebensgemeinschaft aus Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Kultur.


Tagebuch im Sommer 2024:
Um 7 Uhr aufgestanden, 7:35 vom Bäcker im Fabrikgebäude Brötchen geholt, Rückweg durch die Hotellobby, Zimmer für unsere Gäste bestellt. Bis 8:15 gefrühstückt, um 8:20 die Kleine in die Kita gebracht, 8:25 am Arbeitsplatz. 12 Uhr Gäste in der Hotellobby empfangen, Lunch in der Foodbox, auf der Terrasse im Innenhof. Erinnerungsfotos vor der Industriekulisse des Heizwerks gegenüber gemacht, 12:50 zu Hause. 13 bis 14 Uhr noch einmal im Büro. 14:10 im Mobilitätshaus an der Ecke E-Bikes geliehen, über das Fabrikgelände gefahren, unser neues Wohnquartier vorgestellt. Zum Weserpark gefahren, 20 Minuten später am Dom. 16:30 zu Hause umgezogen, 16:45 Sauerstoff tanken beim Joggen durch die Parkanlage unserer Lauf- und Erlebnisstrecke. 19:45 fünf Minuten durch die Abendluft zum Boulevardtheater in der ehemaligen Lagerhalle gegangen. Shakespeare: „Wie es Euch gefällt“. 22:15 im Restaurant nebenan auf der Terrasse den Sommerabend genossen. 23:30 Gäste ins Hotel gebracht. 23:40 zu Hause. Am nächsten Vormittag Nachbarn beim Einzug geholfen, Abschiedsspaziergang durch unser neues Woltmershausen. Aus der ehemaligen Lagerhalle Musik. Gäste, große Musikliebhaber, blieben stehen, horchten: Ach, wie schön, die Achte! – Wir: Die Achte? Gäste: Ja, Schubert, die Unvollendete. Wir: Wie unpassend an diesem Ort. Gäste lachten, gaben uns Recht.


Die Philharmoniker sind an diesem Herbsttag 2020 aber noch nicht eingezogen und das Tabakquartier ist tatsächlich eine noch unvollendete Symphonie aus Bohren, Hämmern, Schlagen, Schlurren der Bautrupps in dem Rhythmus, wie er von der Partitur des Bauplans vorgegeben ist. Im Jahr 2024 soll das letzte Haus des geplanten Wohnquartiers bezugsfertig sein. Voraussichtlich über 1500 Wohnungen.

Wenn die Philharmoniker im Frühjahr ´22 ihre neuen Probenräume in der Lagerhalle beziehen, hat das nur durch eine Ziegelmauerwand von ihnen getrennte Boulevardtheater seine erste Spielzeit bereits über die Bühne gebracht. Die Schauspieler vom Weyer Theater kommen schon im Herbst `21; zeitgleich mit Sängern, Tänzern, Artisten, bildenden Künstlern der freien Szene, für die an der gegenüberliegenden Straßenecke in der Fabrik 50 Räume und sogar ein Theatersaal geschaffen wurden.

„Wir wollen so viel wie möglich von dem alten Industriecharme erhalten“, sagen die Grosse-Geschäftsführer Clemens Paul und Joachim Linnemann. In dem 100 Meter langen Backsteinbau des Heizwerks mit dem turmhohen Fabrikschornstein verliert ihr Versprechen sein programmatisches Gewicht. Die Dampfrohrleitungen, Kessel, Ventilatoren, Stahlgerüste erzeugen mit den künftigen Veranstaltungen dieser „Eventlocation“ mit bis zu 400 Gästen eine Stimmung, die man bei den nachbarlichen Philharmonikern „Kontrapunkt“ nennen würde – ein kunstvolles Spannungsverhältnis.

In dem monumentalen Hauptgebäude der Fabrik und in dem ersten der drei Tabakspeicher am anderen Ende des Quartiers ist seit diesem Jahr neues Leben eingezogen. Noch endet einer der Korridore im Fabrikgebäude auf einer Baustelle, wo die Bremer Großbäckerei Müller & Egerer im Frühsommer nächsten Jahres ein Ladengeschäft eröffnet – mit einem in das Foyer des neuen Hotels „unique by ATLANTIC Hotels“ integrierten Café.

Und weil die Außenmauern des Hotels bereits stehen, kann man den Panoramablick über die Stadt, den seine Gäste von der Dachterrasse genießen, schon mit geschlossenen Augen voraus empfinden.

Zu seiner Eröffnung im Sommer ´21 steht für Besucher und Gäste das erste von drei Parkhäusern der Zukunft bereit: Ein „Mobilitätshaus“ mit Parkplätzen für Autos, einer Leihstation für Bike-, Lastenbike-, Car- und E-Transporter-Sharing, E-Ladestation für PKW und Bikes sowie einer Fahrradwerkstatt. Und aus den Gewächshäusern auf seinem begrünten Dach werden die Küchen der Foodbox und künftiger Restaurants versorgt.

Das Herz des neuen Lebens im alten Quartier schlägt schnell und es schlägt ohne Rhythmusstörungen. Lena Schwantje, Leiterin Kommunikation und Marketing beim Immobilienunternehmen Justus Grosse, weiß, warum es keine Reibungsverluste mit künftigen Mietern und Eigentümern gibt. „Die Menschen, die sich für das Tabakquartier entscheiden, glauben an das Gleiche wie wir.“

Wenn 2024 das Tabakquartier erbaut und bezogen ist, wird Woltmershausen schätzungsweise 3.000 neue Einwohner haben. Weitere rund 10.000 Beschäftigte strömen dann täglich ins Tabakquartier und für die Bevölkerung des über hundert Jahre gewachsenen Stadtteils wird ihre Fabrik abermals ein Sinnbild des Lebens in ihrem Pusdorf. Mit der Vergangenheit in die Zukunft. Von der Tabakfabrik ins Tabakquartier.

 

Fotos: Justus Grosse Real Estate GmbH | Bremerfotografen | Alexander Fanslau | Christian Haase | Q Gastro & Events

Ob großes Dinner im Saal des Heizwerks oder Lunch während der Mittagspause in der Foodbox – das kulinarische Angebot erfüllt die Bedürfnisse unserer Zeit, garniert von historischer Kulisse.

Das Tabakquartier auf dem Gelände der ehemaligen Brinkmann Zigarettenfabrik beherbergt eine moderne Lebensgemeinschaft. 2024 soll alles fertig sein.