Aus dem Lehm der friesischen Wehde werden Klinker von einzigartiger Qualität und Originalität gebrannt. Das Baudenkmal Chilehaus in Hamburg machte Bockhorner Klinker berühmt.


Der eiszeitliche Geestboden der friesischen Wehde einige Kilometer südwestlich des Jadebusens hat mancherlei hervorgebracht, das das Wesen dieses Landstrichs prägte. Ackerland, Wald, Weiden und mit seinem unvergleichlichen Lehm auch ein Baudenkmal, das zum Weltkultur-erbe zählt – das Hamburger Chilehaus. Seine Berühmtheit als Musterhaus des Backstein-Expressionismus verdankt es dem Architekten Fritz Höger, der es wiederum dem Lehm der friesischen Wehde verdankt, aus dem seit mehr als zweihundert Jahren Bockhorner Klinker gemacht werden.

Diese Ziegel hätten einen Großteil der Wirkung hervorgebracht, bekannte Höger, als er eines der ästhetischen Geheimnisse des Chilehauses erklärte, seine Balance aus wuchtiger Ursprünglichkeit und schwebender Grazie. „Durch sie erhielt der Bau seine Beschwingtheit. Sie nahmen dem Riesen seine Erdenschwere.“

Die Erdenschwere lastete in jenem Frühjahr 1922 ganz auf den 14 eigenständigen Ziegeleien, die sich erst ein gutes Dutzend Jahre zuvor zur Vertriebsgesellschaft „Vereinigte Oldenburger Klinkerwerke“ zusammengeschlossen hatten, weil sie nur gemeinsam imstande waren, große Bauprojekte zügig mit Klinkern gleichen Formats zu beliefern. Die sechs Meter breite, rund dreißig Kilometer lange Pflasterstraße von Varel über Rastede nach Oldenburg zum Beispiel – oder das Chilehaus des Hamburger Salpeter-Barons Sloman.

Weit über eine Million Ziegel mussten in kleinen Küstenhäfen auf Schiffe und auf Güterwagen verladen werden, damit sie rechtzeitig zum Baubeginn im Mai ´22 in Hamburg waren und der Zustrom an Baustoff während der zwei Jahre Bauzeit nicht abriss. Nur eine der 14 Ziegeleien hat in den wechselnden Winden und Wettern der Zeit ihre Selbstständigkeit bewahrt, das 1906 gegründete Werk Uhlhorn in Bockhorn-Grabstede. Wenn sein geschäftsführender Gesellschafter Ernst Buchow einen Bockhorner Ziegel vom Stapel nimmt, hält er keinen Stein in der Hand oder ein Stück Industriegeschichte der Region, in dem er aufgewachsen ist, sondern ein Schmuckstück. „Sehen Sie diese Vernarbungen, diese überbrannten Abplatzungen. Das gehört zur Identität unserer Ziegel.“ Und um es nicht selbst zu sagen, zitiert er den Erbauer des Chilehauses: „Der Backstein ist mein Edelstein.“

Mit angemeldeten Besuchern teilt Buchow gerne seine Passion. Sei es bei einer ausgedehnten Führung durch eine moderne Ziegelei oder durch den Blick auf die Historie in der Dauerausstellung des „Alten Klinkerzentrums“.

Normalerweise möchte man, wenn man aus dem Fenster schaut, keine Backsteinwand vor Augen haben. In Buchows Konferenzraum wird der Ziegel jedoch zum Bild.

Ziegelmuster um Ziegelmuster in Rahmen an der Wand. Klinker in Rot, Bunt, Blaubraun oder Blauviolett. Borkumer Rot, Bockhorner Rot, Borgsteder Bunt. Gemauert im Blockverband, im Wilden Verband, im Gotischen Verband … In diesem Raum wird der Blick von Ziegeln nicht begrenzt, sondern weitet sich zum Ausblick auf ein Gebäude, das erst noch entstehen soll.

Sämtliche Klinker im „Oldenburger Format“, das 1908 bei der Standardisierung ihrer Größe und Güte geschaffen wurde und immer noch gilt. Mit seiner Länge von 22 Zentimetern, zwei Zentimeter unter dem Normalformat, fällt er aus dem metrischen Maß, ist im Verhältnis zu seiner Höhe jedoch dichter am Goldenen Schnitt. Beim Verlegen, ob Straße oder Mauerwerk, verbindet sich das ästhetische Ideal mit dem Handwerklichen. Ziegel im Oldenburger Format gehen
„gut aus der Hand“.

Der Goldene Schnitt, nämlich die richtige Mischung der Rohstoffe, aus denen sie gebrannt werden, ist auch das Geheimnis ihrer Härte und ihres besonderen Farbspiels. Die Eismassen schoben die Schichten aus Lehm, Grundmoränensand und anderen Sedimenten unregelmäßig zusammen.

Dadurch hat die etwa einen Meter dicke Lehmschicht, die dicht unter dem Mutterboden beginnt, auf jeder Abbaufläche eine andere Zusammensetzung. Unterschiedliche Körnungen, Anteile der Mineralien, Bodenmischungen.

Rund sechs Wochen nimmt die Metamorphose des Lehms zum Klinker in Anspruch. Sie beginnt in der Aufbereitungshalle, wo die Rohstoffe der verschiedenen Lagen zerkleinert und zu jener einzigartigen Zusammensetzung durchmischt werden, wie man sie nur in dieser Region
findet.

Nachdem der aufbereitete Lehm im Kollergang unter dem Druck von zehn Tonnen schweren Rädern durch gelochte Stahlbleche gepresst wurde und dabei die richtige Korngröße erhielt, landet er im Sumpfhaus. Vier Wochen Lagerung, ein letztes Durchmischen und zur Formgebung ab in die Presse.

Dort wird die Betriebsmasse zuerst zum Lehmstrang, danach zum Batzen und schließlich zum Rohling, der bereits zum gewünschten Format zugeschnitten worden ist. Er hat zwar schon Ziegelform, doch ockerfarben und weich genug, um seinen Daumabdruck auf ihm zu hinterlassen, könnte er auch aus Marzipan sein. Der gesamte Prozess wird von Probenentnahmen und Siebanalysen im werkseigenen Labor begleitet.

In den dreißig Meter langen Trockenkammern kommen die Rohlinge zum ersten Mal mit dem Brennofen in Berührung. Denn unter der Wärme seiner Abluft wird ihnen dort drei Tage lang neunzig Prozent ihrer Feuchtigkeit entzogen. Wenn sie anschließend auf dem Ofenwagen in den Tunnelofen einfahren, offenbart sich das Geschenk, das die Natur den friesischen Ziegelbrennern machte. „Durch die besondere Zusammensetzung des Lehms können wir das Material bei tausendzweihundert Grad brennen“, erklärt Ernst Buchow. Je höher die Temperatur, desto härter das Material. Übliche Brenntemperaturen liegen bei ca. 1000 Grad.

Das Wunderbare braucht indessen seine Zeit. In geradezu erdgeschichtlicher Langsamkeit trägt der Ofenwagen das Brennmaterial durch den 126 Meter langen Tunnelofen. Gut einen Meter pro Stunde. Nach 120 Stunden haben sich Ton und Quarzteilchen zur höchsten keramischen Festigkeit verbunden.

Extrem gehärtet, frostresistent, wasserundurchlässig und mit dem Farbspiel ihres Brands, das einst den Erbauer des Chilehauses begeisterte, sind sie nun, was sie werden sollten: Bockhorner Ziegel.

Auf dem Betriebshof liegt die Produktion gestapelt. Von hier aus gehen jährlich zwischen acht und zehn Millionen Klinker an ihren Bestimmungsort. Nicht alle im Oldenburger Format, sondern auch Maßanfertigungen für den jeweiligen Zweck. In den 400.000 Bockhorner Klinkern im Britischen Maß, die nach London geliefert wurden, wiederholte sich die Geschichte vom Hamburger Chilehaus. Die Architekten von „Witherford Watson Mann architects“ in London, suchten nach dem passenden Ziegel für das von ihnen entworfene Cremer Business Center im Zentrum von London. Eines Tages stand einer von ihnen in Hamburg vor dem Chilehaus …

 

Fotos: Bockhorner Klinkerziegel Uhlhorn | Adrian Kaschta | stock.adobe.com/hanseat

Die Mischung der Rohstoffe ist das Geheimnis der Härte und des besonderen Farbspiels. Dazu die ständige Kontrolle während des Produktionsprozesses.

Bockhorner Klinker prägen den Charakter eines Gebäudes – ob Einkaufszentrum in London oder Wohnhaus in Norddeutschland.

BOCKHORNER KLINKERZIEGELEI UHLHORN

Klinker aus Bockhorn sind seit über 100 Jahren ein weit über Nordwestdeutschland begehrter Baustoff. Ernst Buchow ist der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens Bockhorner Klinkerziegelei Uhlhorn, das seit dem Gründungsjahr 1906 seine Selbstständigkeit bewahrt hat.
 

BOCKHORNER KLINKERZIEGELEI UHLHORN – Hauptstraße 34 – 26345 Bockhorn – Telefon 04452 91280
www.bockhorner.de