Gert Bose handelt mit antiken Baustoffen und betreibt dabei Denkmalpflege auf besondere Art.


Wer sagt, Gert Bose handelt mit antiken Baustoffen, sagt nichts Falsches. Immerhin lautet so der Name seines Unternehmens: Bose – Antike Baustoffe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Wenn er in Martfeld über das Areal seiner Hofstelle von 1770 mit der alten Scheune geht oder über das Gelände, wo früher am Ortsrand von Bruchhausen-Vilsen die Sägemühle stand, Orten an denen seit über zwanzig Jahren seine antiken Baustoffe lagern, dann sieht er nicht nur Holz, Steine, Metalle, sondern Geschichten.

Jeder Mensch, jeder Gegenstand hat seine Geschichte. Und weil in jeder etwas Einzigartiges steckt, könnte man sagen, die Hunderte Festmeter Holz, unterschiedlich in Alter und Färbung, die Hunderte Kubikmeter Steine, alte Klinker, Dachpfannen, Sandstein, die verwitterten Eisenrahmen geschmiedeter Fenster sind Fingerabdrücke vergangener Zeiten.

Wenn er alte Gebäude abbaut, nimmt Gert Bose neben dem Material auch deren Geschichten mit, wie sie ihm von den Besitzern bei der Arbeit erzählt worden sind. Manchmal bringt er selbst sie darauf. „Hin und wieder seh ich beim Abbau, dass da mal was anderes drangebaut war oder etwas umgebaut wurde und dann hör ich oft: Jau, da hat Opa auch schon von erzählt. Und sie
erzählen, wie das früher hier auf dem Hof war, wie das Gebäude damals genutzt wurde. Auf einmal hat man eine ganze Familiengeschichte.“

Das erzählt er später seinen Kunden weiter, die genau das hören wollen, wenn sie bei ihm geschichtsträchtige Baustoffe suchen, um mit ihnen ihrem Haus oder dem Ort, an dem sie leben, etwas Besonderes, ja Einzigartiges hinzuzufügen. So ziehen denn mit den wieder verwerteten Balken und Steinen, den Fenstern und Türen auch deren Geschichten über das Land, werden weiter erzählt und bleiben in ihrem Gegenstand lebendig. Denkmalpflege von Mund zu Mund. Da wird die CO2-Ersparnis durch Wiederverwertung alter Baustoffe beinahe zur Fußnote.

Einen ehrwürdigeren Platz als unter den Arkaden des Bremer Rathauses kann man sich für steinerne Bänke kaum denken. Eines Tages mussten sie ausgewechselt werden, weil sie nicht mehr so repräsentabel aussahen. „Da haben wir zwanzig, dreißig Meter Steinbänke abgebaut. Die sind alle nach Sylt gegangen“, erinnert sich Gert Bose. Unter den Arkaden saßen auf ihnen täglich die Wertmutbrüder mit ihrem Zweifünfzig-Rotwein, nun wird auf ihnen mit Blick auf Dünen und Meer Champagner getrunken.

„Manchmal hört man beim Abbau einer Hofstelle eine ganze Familiengeschichte.“

Der Gebrauch adelt die Dinge. In einigen noblen Domizilen wurden die hässlichen Klappen über den Lüftungsschächten in der Wand mit dekorativen Eisengeflechten verziert – Güllerinnen aus Schweineställen, die Gert Bose den Besitzern für 20 Euro überließ. Und manche Villa hat ihr Prachtstück von schmiedeeisernem Fenster mit gebogenen Sprossen einem abgerissenen Kuhstall zu verdanken.

Es kann auch mal eine Grabplatte sein, wie jene, die bei Bose zwischen den ausrangierten Sandsteinkapitellen vom Bremer Dom und dem Gebäude liegt, in dem die zehn Meter lange elektronisch gesteuerte Säge 300 Jahre alte Mooreichenstämme zuschneidet. Aber die gehört doch auf den Friedhof! Und mit diesem Einwand fängt eine neue Geschichte an. „Auf dem Land hat jeder Bauer seit hunderten von Jahren sein Familiengrab“, beginnt Gert Bose. „Irgendwann war ein Grab mal voll und es musste ein neues her. Aber den alten Grabstein hat man nicht weggeschmissen, sondern auf den Hof mitgenommen. Deshalb finden wir, wenn wir alte Hofstellen abbauen, immer wieder auch mal einen Grabstein.“ Der kehrt als ungewöhnlicher Gebrauchsgegenstand später bei seinen Kunden als Brücke über einen Graben oder Tischplatte auf der Terrasse ins gelebte Leben zurück.

Die meisten antiken Steine sind allerdings rote Klinkersteine. In Bruchhausen-Vilsen liegen über150.000 davon. „Daraus können Sie ein ganzes Dorf bauen“ sagt Bose. Bis April wird die Hälfte verkauft sein. Mindestens. Der Bedarf ist groß.
Die 1,5 km Pflastersteine einer Straße bei Marklohe, die von der Freiwilligen Feuerwehr für ihn ausgehoben wurden, gingen schnell weg. Nach Bremen, Hamburg, Hannover,. Verwendet als Hofpflaster, Sockelmauerwerk, Schornsteinköpfe…

Als Gert Bose, gelernter Tischler, erfahren in Antiquitätenrestaurierung, Mitte der Neunziger Jahre seinen Handel begann, wurde er von den Denkmalschützern kritisch beäugt.
Dem lukrativen Handel mit alten Baustoffen sind nicht wenige erhaltungswürdige Bauwerke zum Opfer gefallen. Längst sind sie Partner geworden. Die Denkmalpfleger kommen regelmäßig zu Bose, wenn sie Baustoffe für die Sanierung von Baudenkmälern brauchen. Das perfekte Recycling: Aus dem Abgebauten wird neu aufgebaut.

Geschichten schaffen Bindungen. Einen schönen Sandsteinbrunnen mit Jahreszahl verkauft er nicht jedem. „Es hängt ja doch auch ein bisschen Herzblut an diesen Dingen.“ An den herrlichsten und dicksten Eichenbalken von seinem Hof hängen die Glocken der Lübecker Marienkirche, neun Glocken, zusammen 26,6 Tonnen schwer. „Zwei Sattelzüge mit Eichenholz haben wir damals nach Lübeck gefahren.“

Wenn Gert Bose an die Marienkirche denkt, dieses 125 Meter hohe Kleinod der Backsteingotik, wird ihm jedes Mal warm ums Herz. Bei der Restaurierung des Dachstuhls hat er die Balken selbst mit hinein gesägt. Und nicht zuletzt sein Eichenholz, aus dem der neue Glockenstuhl entstand, hat dem Glockengeläut von St. Marien seinen berühmten Klang zurückgegeben, der sich im Stahlglockenstuhl unter den engen Jochen verloren hatte.

 

Fotos: Bose – Antike Baustoffe

Neben wertvollem Altholz, das in der Sägerei zugeschnitten wird, finden sich beim Abbau alter Gebäude immer wieder Schätze wie Sandsteinkapitelle vom Bremer Dom oder auch mal ein uralter Familiengrabstein.

Ob Ziegel, Holz oder Dachpfannen – was von abgerissenen Gebäuden bleibt, wird von Denkmalpflegern gerne als antiker Baustoff zum Erhalt denkmalgeschützter Gebäude wiederverwertet.

BOSE – ANTIKE BAUSTOFFE

Die Liebe zu antiken Baustoffen prägt das Leben von Nico Bose. Zwischen ihnen wuchs er auf, wurde Tischler und betreibt gemeinsam mit seinem Vater Gert das Familienunternehmen.

 

Bose – Antike Baustoffe
Büro: Hinter den Höfen 1 – 27327 Martfeld
Lager & Verkauf: Maidamm 29 – 27305 Br.-Vilsen
Telefon 04255 1740
www.bose-antike-baustoffe.de