Neuer Flagmanam alten Bahnhof


Am 150 Jahre alten, schon vom Verfall bedrohten Bahnhof Oberneuland fahren wieder Gäste ab – auf die Speisekarte des Restaurants Flagman.

Als 1988 der letzte Zug vom alten Bahnhof Oberneuland abfuhr, ging Nils Krey noch zur Schule. 25 Jahre später bewahrte er das bald 150 Jahre alte rote Backsteingebäude vor seinem unaufhaltsamen Verfall und schloss es als Investor und Entwickler wieder an die Gegenwart an.

Das neue Leben kam mit dem Zug der Zeit auf das verlassene Areal: Eine Event-Agentur im Bahnhof, ein Restaurant im ehemaligen Stellwärterhäuschen, ein kleines Stück weiter am Schienenstrang, das „Flagman“.

Das Investment von Nils Krey war nicht frei von Emotionen, denn der alte Bahnhof gehört zur Erinnerung an seine Jugendjahre, wenn er mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Reitstunde hier die Geleise überquerte. Mit Bedauern registrierte er später den zunehmenden Verfall. Eines Tages sah er, dass der Bahnhof zum Verkauf stand.

An jenem Frühjahrstag 2013 war Nils Krey wieder einmal auf der Suche nach einem Schuppen oder einer kleinen Werkhalle, wo er mit Freunden an seinen geliebten amerikanischen Oldtimern aus den Fünfziger Jahren schrauben konnte. Im Vorbeifahren entdeckte er die Verkaufsschilder – und empfing einen Impuls seiner vom Vater geerbten Leidenschaft für alte Häuser und für Gegenstände mit Geschichte: „Da ruf ich an!“

Das Abenteuer begann mit der Mitteilung der Immobilien-Gesellschaft, dass nicht einzelne Gebäude zu erwerben seien, sondern nur der gesamte Komplex.

Eine spontane Besichtigung der Gebäude mit seinem Tischler, ein Preisvorschlag vom Verkäufer, ein Tag Bedenkzeit. Eigentlich wollte er ja nur eine kleine Werkhalle …

Und auf einmal gehörte ihm ein ganzes Bahnhofs-Ensemble, verfallen zwar, jedoch pittoresk wie der Spielzeugbahnhof aus Blech, den er von seinem Onkel, dem Schauspieler und Bahn-Enthusiasten, geerbt hatte.

Der antike Blechbahnhof steht heute in einem Regal vor der Bar im „Flagman“. Bis er dort hinkam, war es ein langer Weg, dessen Schwierigkeiten Krey mit seiner Begeisterung bewältigte. Und mit dem Messebauunternehmen Strohbach & Krey, dessen Geschäftsführer er ist. Hier entstand die Konzeption für das gesamte Objekt, sowie die komplette Inneneinrichtung. Als Architekt stand ihm bei der Ausführung Peter Diepenbroek zur Seite, der nach seiner Tätigkeit als Leitender Architekt bei Strohbach & Krey seit 2007 sein eigenes Architekturbüro aufgebaut und ihm vor einigen Jahren bereits sein Haus in Oberneuland entworfen und realisiert hatte.

2015 wurde das kernsanierte Bahnhofsgebäude mit der Event-Agentur „Momentis“ eröffnet. Weil Nils Krey New York liebt, nannte er es „Grand Central“, nach dem legendären Bahnhof in Midtown Manhattan, der um die gleiche Zeit entstanden war wie der Bahnhof Oberneuland. Zwei Jahre später eröffnete das „Flagman“-Restaurant im Stellwärterhäuschen. Flagman – das ist der Stellwärter in Amerika, verantwortlich für das Setzen der Weichen und Signale und ihrer Befeuerung. Beide Gebäude entstanden unter anderem unter der Vorgabe, soviel industrielle Stilelemente wie möglich aus der Epoche zu bewahren, als Kohle noch kein Sündenfall war.

Das traf mit Kreys Liebe zu alten Gebäuden zusammen. Die schonende Sanierung des ihm seit seiner Jugendzeit vertrauten alten Bahnhofs war für ihn bei der Ausarbeitung seines Gesamtkonzeptes eine Selbstverständlichkeit. So wurde die einst verfallene, nun restaurierte hundertjährige Holztreppe restauriert und erhalten. Ebenso das Ziegelmauerwerk der ehemaligen Bahnhofshalle.Das Dachstuhlgebälk stammt aus der ehemaligen Güterhalle, die beiden Graffiti-Tore in der Halle von dem alten Lagerschuppen.

Ein Stück den Schienenstrang hinab Richtung Bremen steht der alte Petroleumbunker, der nach seinen Plänen zu einem kleinen, kuppelartigen Gastraum umgebaut wurde. Das Dach über den Stahlplatten der Außenhülle vom Landschaftsarchitekten Leucht bepflanzt. Und aus den russroten Grundmauern des
einsturzgefährdeten alten Stellwärterhäuschens, das er vor dem Abriss bewahrte, entstand ein Restaurant mit sechzig Plätzen und einem besonderem Flair.

„Ein Glück, dass wir den alten Petroleumbunker vor dem Abriss bewahrten und zu einem ganz eigenen kuppelartigen Gastraum machen konnten.“

 

Vom Eingang blickt man durch den Gastraum direkt in die offene Küche, wo hinter einer Wand aus Glas die Speisen zubereitet werden.

Der freie, weder von Stützen, noch Pfeilern eingeengte Raum ist ein Kunststück der Statik, denn das Stellwärterhäuschen bestand aus vielen kleinen Räumen. Als sie aufgelöst wurden, verschwanden auch tragende Mauern.

Das durch die im historischen Stil nachgebauten Fenster großzügig einfallende Licht schimmert auf dem Fußboden mit seinen Fliesen in Holzoptik und dem Spachtelbeton, auf dem Altholz der Tische, das bei der Sanierung angefallen ist und zum Teil von dem alten Dachüberstand stammt.

Geschichtsträchtiges Material eingebettet in die Geometrie und Lichtarchitektur eines modernen Stilgefühls. Und unter einem breiten Streifen von begehbarem Panzerglas vor der Bar schimmert, indirekt beleuchtet, aus dem Boden herauf, womit dies alles vor langer Zeit einmal angefangen hat. Ein Gleisbett mit Schienen.

 

Fotos: Bildplantage 13 GmbH, Martin Bockhacker

Runde Fenster aus Eichenholz, in denen man sitzen kann, gehören zum modernen Ambiente des historischen ehemaligen Stellwärterhäuschens.

Aus den vielen kleinen Zimmern des alten Gebäudes entstand ein großer Gastraum. Die Ursprünglichkeit aber wurde erhalten.

ARCHITEKT PETER DIEPENBROEK

„Architektur im Kontext mit Mensch und Natur“ hat der Bremer Architekt Peter Diepenbroek zu einem der Grundsätze seiner Arbeit gemacht. Entwicklung und Umsetzung moderner, individueller Konzepte.
 

ARCHITEKT PETER DIEPENBROEK – Rockwinkeler Heerstraße 42a – 28355 Bremen – Telefon 0421 67576567
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