Von Gefängniszellen zu Büroräumen

Wo heute Wohnprojekte für die Zukunft entworfen werden, wurde vor einigen Jahren noch Recht gesprochen und manch einer hatte ein Quartier auf Zeit, in dem er seine Sünden der Vergangenheit bedenken konnte; und sei es nur die einer durchzechten Nacht. In einer Gefängniszelle. Die Wände der Zellen wurden herausgenommen, die Räume vergrößert, der Gerichtssaal neu entdeckt. Seit zwei Jahren befinden sich dort Büros für die Mitarbeiter des Ateliers Reissbrett.

Vorher allerdings mussten die Folgen einer Sünde aus der Vergangenheit beseitigt werden. Begangen wurde sie Ende der Sechziger Jahre an dem Gebäude selbst, das 1897 als Königlich Preußisches Gericht in Bruchhausen-Vilsen, damals noch zwei getrennte Orte, erbaut worden war. Wenn Andrea Blome sich an das Amtshaus erinnert, wie sie es 2012 gemeinsam mit ihren Partnern vom Atelier Reissbrett, dem Ingenieurbüro und der Baubetreuung, vorgefunden hatte, stehen ihr der Sinn und die Aufgabe ihres Berufs als Architektin lebhaft vor Augen.
Niemand hätte in dem schmucklosen – die Verteidiger jener Bausünde würden vielleicht sagen „funktionalen“ – Putzbau ein einst herrschaftliches Gebäude vermutet. Das Sandsteinportal war verschwunden, statt des Schmuckgiebels gab es nun ein schlichtes Walmdach, und der Reiz der Backsteinfassade war unter grauem Putz begraben worden.

„Man hatte das Gebäude eigentlich zu Tode saniert“, sagt Andrea Blome und meint, dass es wohl auch eine Modefrage gewesen sei. „Möglicherweise gab es auch Schäden am Dach oder am Giebel. Jedenfalls wollte man nicht mehr diesen repräsentativen Stil, diese Verzierungen wie er für Gebäude um die Jahrhundertwende typisch war.“
Nichts erinnerte mehr daran, dass es früher einmal als „Hohes Gericht“ zu dem nachbarlichen, inzwischen abgebrannten Sommerschloss der Grafen von Hoya gehörte. Nur seine herrschaftliche Funktion war in gewisser Weise noch erhalten geblieben. Denn von 1973, als der Gerichtssitz Bruchhausen-Vilsen nach Syke verlegt wurde, bis zum Jahr 2010 diente das ehemalige Amtshaus als Polizeigebäude mit einer abgetrennten Wohnung.

Zwei Jahre Leerstand waren die Übergangszeit, bis die Bürogemeinschaft des Ateliers Reissbrett den Amtshof erwarb, weil die Büros der „drei Unternehmen unter einem Dach“ zu klein geworden waren. Ehe sie im Erdgeschoss und im Obergeschoss ihres neuen Domizils die neuen Büroräume bezog, ging es jedoch an die Sanierung der Sanierung. Der Amtshof sollte in ein repräsentatives Gebäude zurück verwandelt werden, das er vor Jahrzehnten gewesen war, als noch Schloss,
Mühle und Mühlenteich in seiner Nachbarschaft lagen.

„Wir haben den Giebel wiederhergestellt. Und wenn er auch nicht ganz die ursprüngliche Höhe hat, so gibt er dem Gebäude doch wieder ein
Gesicht“, sagt Andrea Blome. „Der Giebel ist doch ein prägendes Stilmittel.“

Das trifft auch auf die wieder eingearbeiteten Einfassungen der Fenster und die Gliederung der Fassade zu. Die über die Jahre in die Höhe gewachsenen Tannen, die das Grundstück verdüsterten, wurden weggenommen. Heute fällt der Blick wieder frei auf den ehemaligen Gerichtssitz als einen Teil der Geschichte von Bruchhausen-Vilsen.

Innerhalb eines Jahres entstand der Amtshof neu als eine Erinnerung an sich selbst. Nur ein Putzbau hat er bleiben müssen. „Die Backsteinfassade war nicht wiederherzustellen“, erklärt Andrea Blome, „das wäre ein kompletter Neubau geworden.“ Und wer weiß, was zum Vorschein gekommen wäre, hätte man den gesamten Putz heruntergeschlagen.

Eine Überraschung bei der Sanierung gab es auch so; sogar eine höchst erfreuliche. Der Tipp kam von einem Mitarbeiter des Gemeindearchivs. Die Decke in dem ehemaligen Amtsgerichtsaal im Obergeschoss sei nicht immer so niedrig gewesen wie heute. Früher habe es dort eine Holzbalkendecke gegeben.

„Da haben wir einfach mal geguckt“, erzählt Andrea Blome. Die alte Decke gab es tatsächlich noch. „Wir haben dann die auf drei Meter Höhe eingezogene Decke komplett runtergenommen. Zum Vorschein kam auf 4,30 Meter Höhe eine so gut wie unversehrte Holzbalkendecke, die auch noch farbig gestaltet war.“ Auf dem oberen Flur wurde bei den Sanierungsarbeiten außerdem eine reizvolle Kappendecke gefunden, eine gemauerte Ziegeldecke mit kleinen Bögen.

Nun ist der ehemalige Saal des Königlich Preußischen Gerichtshofs wieder ein Raum mit Stil und Atmosphäre. Seine fünfzig Quadratmeter wurden umgenutzt zu einem Besprechungszimmer mit angrenzendem Büro. Und wenn die Vertreter des Ateliers Reissbrett dort mit ihren Kunden sitzen, ist der ehemalige Gerichtssaal wie das ganze Gebäude zugleich ein Ausstellungsstück und eine Referenz ihrer Arbeit und Partnerschaft. Denn „vom ersten Strich bis zum letzten Stein“ waren sie alle, Architektin, Ingenieure und Bauplaner, an ihrem Amtshof aktiv beteiligt.

Fotos: Tristan Vankann

EG OGDie Zeichnung zeigt den Originalgrundriss von 1895. Die roten Wände markieren den neuen Grundriss und umreißen die neue Raumstruktur. Großzügiger, weiter – schließlich sind hier keine Gefängniszellen mehr.

Grundriss: NLA Hannover Mappe 1240 BI. 11,12

Foto: ATELIER REISSBRETT„Man hatte das Gebäude eigentlich zu Tode saniert“ – Andrea Blome
Erst der neue Glanz, in dem das alte Amtshaus wieder erstrahlt, macht die vergangene Bausünde offenbar. Heute ist das bei der ersten Sanierung aller Reize beraubte Gebäude optisch wieder mit seiner Geschichte identisch.

Foto: ATELIER REISSBRETT

Dipl.-Ing. Andrea Blome

blome_tv_2691leitet das Architekturbüro im Atelier Reissbrett, in dem sie mit der Ingenieurpartnerschaft Hüttmann, Otto, Alberts und der d. h. g. Baubetreuung GmbH zu drei Firmen unter einem Dach verbunden ist.

Atelier Reissbrett – Amtshof 1 – 27305 Bruchhausen-Vilsen – Telefon 04252 9303-0
www.atelierreissbrett.de