Wenn Eins plus Eins immer noch Eins ergeben soll, hat der Architekt eine reizvolle Herausforderung.

Manche Gebäude erscheinen allein durch ihren Klang so lebhaft in der Vorstellung, dass man sie gar nicht vor Augen haben muss. Ein Reetdachhaus zum Beispiel oder ein Doppelhaus. In diesem Fall sollte es beides in einem sein: Ein Reetdachhaus als Doppelhaus. Und damit fing die Herausforderung an: Ein Gebäude zu schaffen, das zwar beides ist, in seiner Form und Wirkung jedoch die üblichen Muster und Vorstellungen sprengt.

Traditionelle Reetdachhäuser sind keine Doppelhäuser, moderne Doppelhäuser werden normalerweise nicht mit Reet eingedeckt. Aus dieser Spannung heraus schuf der Berliner Architekt Norbert Möhring einen Baukörper, der zwar das Volumen eines Doppelhauses umschließt, jedoch nicht wie ein Doppelhaus wirkt. „Das war der besondere Reiz an diesem Objekt“, erklärt er, „eine alternative Antwort zum Thema Doppelhaus zu finden und dabei qualitätsvolle Wohnformen zu erzielen.“

Von Putbus, dem ältesten Badeort auf Rügen, führt eine Allee an Schlosspark und Schwanenteich vorüber und läuft einige Kilometer weiter über das grüne Inselland nach Süden dem nahen Greifswalder Bodden zu. Ehe sie das Ufer erreicht, ist das kilometerlange Spalier der Bäume plötzlich zu Ende und man gelangt in ein um die Landstraße zwischen Acker- und Weideland gruppiertes Dorf – Wreechen.

Hier wollten die Bauherren Annelore und Ralf Meyer aus Bruchhausen-Vilsen ihr Ferienhaus bauen. „Es sollte etwas Besonderes sein“, erzählt Annelore Meyer, „extrem modern, mit einer klaren, gradlinigen Architektur, die nicht dem Ortsbild angepasst ist, es aber trotzdem nicht stört.“ Ein Reetdach war der erste Schritt zur Verwirklichung. Denn obwohl Wreechen seit der Wende um eine Anzahl Neubauten gewachsen ist, wird die Atmosphäre dieses 700 Jahre alten Dorfes wie in der Vergangenheit von Reetdächern geprägt.

Für den Architekten war der Auftrag, eine Brücke zwischen dem regionalen Bauen und moderner Architektur zu schlagen, eine Gratwanderung, denn „dies ist kein Haus, das man aus der Schublade ziehen kann.“ Entsprechend intensiv verlief der Dialog zwischen ihm und den Bauherren, bis nach und nach das Doppelhaus Umrisse und Gesicht erhielt.

Üblicherweise besteht ein Doppelhaus aus zwei aneinandergereihten, in der Mitte geteilten Einzelhäusern. Das Übliche aber sollte es eben nicht werden. Also schlug Möhring vor, „nicht ein großes Volumen zusammen verschweißt zu entwickeln, sondern zwei Einfamilienhäuser, die wie siamesische Zwillinge miteinander verwachsen sind“. So entstanden zwei Gebäude, deren Volumen eine Maßstäblichkeit erzeugte, die sich dem Ortsbild harmonisch einfügt und ihren Bewohnern dabei ein hohes Maß an Privatheit sichert. Möhring: „Indem wir die Volumen verschoben und auseinander gezogen haben, liegen Terrassen und Außenflächen der einzelnen Wohneinheiten nicht wie üblich nebeneinander, sondern sind nun in einem respektablen Abstand von-einander getrennt.“

Das entscheidende Element bei der Verbindung von Tradition und Moderne war das Reetdach. Schließlich macht es zwei Drittel der Ansicht des Hauses aus. Und doch wurde es kein typisches, sondern eine ganz eigene Form von Reetdachhaus, denn „in der formalen Sprache“, so Möhring, „ist das Haus deutlich reduzierter und moderner.“

Schon immer waren Fenster ein Ausdrucksmittel in der Architektursprache. Die im Wohnzimmertrakt vom Boden bis zur Decke reichenden großen Fenster an der Südwestseite beider Häuser dienen deshalb nicht allein Licht und Sicht, sondern sind, eingesetzt als moderne geometrische Formen, Bestandteile der Fassade.

Wie auch die Eingangsbereiche, wurden die großen Fensterflächen aus dem Volumen des Baukörpers wie eine Negativform herausgeschnitten. „Über die dunklen Holzfenster und Holzverkleidungen“ so Möhring, „und mit dem farbigen Putz haben wir dann versucht, wieder die Brücke zum Regionalen zu schlagen.“

Hinter den Fenstern setzt sich das Zusammenspiel zwischen den nüchternen Geometrien der Moderne und einer Behaglichkeit stiftenden Ursprünglichkeit in den Wohnwelten fort. Beide Häuser sind großzügig geschnitten und bieten viel Platz. Haus 1 mit drei, Haus 2 mit zwei Schlafzimmern im Obergeschoss und einer Küche, von der Hobbyköche träumen. Durch die vom Dachfirst herab reichenden, in das Reet hinein geschnittenen Oberlichter fällt das Licht genau auf den Esstisch.

„Und doch wurde es kein typisches, sondern eine ganz eigene Form von Reetdachhaus …“

Die im Dachgeschoss befindlichen Schlafräume haben jeweils ein eigenes integriertes und komfortables Duschbad. Verbunden sind sie über eine offene Galerie, die den Blick auf Küche und Wohnbereich freigibt. Ursprünglichkeit und Moderne finden auch in der Fußboden-Zentralheizung und dem Feuerschein aus einem Kaminofen zusammen. Schließlich soll Wärme auch unter die Haut gehen – ins Gemüt. Zur Entschlackung des Körpers und vielleicht auch des Gemüts wurde eine dritte Wärmequelle eingerichtet: Eine Sauna.

WLAN-Anschluss und TV-Anlage verbinden die Idylle unter dem Ostseehimmel mit der Außenwelt und erzeugen ein Lebensgefühl, in dem sich, wie in dem Haus selbst, Moderne und Ursprünglichkeit vereinen.

 

Fotos: Stefan Melchior


Ein Haus ohne Muster. Darum musste es erst noch erfunden werden.

Möhring Architekten

Norbert-Moehring

Ein kleines Wohnhaus auf der Ostseeinsel Darss war das erste Projekt von Norbert Möhring, nachdem er 2005 sein eigenes Büro gegründet hatte. Ein Blitzstart, der mit Preisen ausgezeichnet wurde. Stetiges Wachstum führte zu zwei Standorten: In Berlin, dem Ausgangspunkt für alle planerischen Tätigkeiten und in Born.
 

Möhring Architekten – Schwedter Straße 34 a – 10435 Berlin – Telefon 030 44737244
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