Einst Baustoff der Avantgarde, hat Sichtbeton Eingang in den Alltag der Architektur gefunden.

Abweisend, kalt, leblos – Beton wird allgemein nicht mit Sinnlichkeit, Atmosphäre oder gar Leichtigkeit in Verbindung gebracht. Dabei war der Mann, der den Baustoff Stahlbeton erfand, das Gegenteil von einem Betonkopf – ein Gärtner. An Architektur freilich hatte Joseph Monier nicht gedacht, als er 1846 auf die Idee kam, Zement, Sand, Schlacke oder Ziegelbruch mit Wasser zu vermischen und durch eine Einlage von Draht-gewebe zu stabilisieren.
Er wollte bloß endlich wasserdichte Pflanzenkästen haben, in denen er seine Orangenbäumchen transportieren konnte.

Damals war er 26 Jahre alt und zum Gärtner des Jardin de Tuileries in Paris aufgestiegen. Da er außerdem empfänglich für ästhetische Formen war, dekorierte er die herrschaftlichen Gärten mit Grotten und künstlichen Felsengruppen, die er gleichfalls aus dem neuen, festen, wasserundurchlässigen Material herstellte. Und so wurde Joseph Monier ohne es zu ahnen und obwohl er ganz und gar kein Baumeister war, zum Pionier bei der Arbeit mit einem Baustoff, der erst Jahrzehnte später von der Architekten-Avantgarde auf einen Begriff gebracht wurde: Sichtbeton.

„Sichtbeton ist die große Herausforderung der modernen Architektur an die Bautechnik.“

Längst war die Entwicklung und industrielle Produktion von Zement angebrochen, als Mies van der Rohe 1923 ein revolutionäres Gebäude entwarf: „Das Landhaus aus Eisenbeton“. Sein kühner Entwurf, hervorgegangen aus der Bauhaus-Ästhetik, wurde jedoch nie realisiert.

Erst in den Fünfziger Jahren traten sichtbare Betonflächen als eine Herausforderung für moderne architektonische Konzepte mehr und mehr ins Bewusstsein. Zu Le Corbusiers 1950-55 aus Sichtbeton gebauten Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp pilgern Architekturstudenten und Kunsthistoriker noch heute.

„Klagemauer oder Marmor des 21. Jahrhunderts?“ fragt der Ingenieur Prof. Dr. Christoph Dauberschmidt von der Fakultät Bauingenieurwesen an der Hochschule München in seinem Essay über den Sichtbeton. Auf der einen Seite ein „schier unendlich großes Spektrum hinsichtlich Gestaltungsmöglichkeiten in den Bereichen Formen, Farben und Strukturen“, die Dauberschmidt auf den Vergleich „gießbarer Marmor“ brachten. Auf der anderen Seite häufige objektiv erfassbare Mängel, die Nachbesserungen notwendig machen.

Wenn sie denn noch möglich sind. Der Bremer Architekt Peter Diepenbroek liebt „die spannende Arbeit mit Ortbeton“. Darunter versteht man Beton, der auf der Baustelle in die vorbereitete Schalung gegossen wird. Weil sie über die Optik entscheidet, muss hier mit größter Sorgfalt gearbeitet werden. Erst wenn zwei Wochen nach „Betontermin“ ausgeschalt wird, sieht man das Ergebnis. „Und dann“, so Diepenbroek, „ist kaum noch etwas zu verändern.“

Ein Hinweis, der mit dem Bauherren bei der Planung unbedingt abgesprochen werden muss. Denn die Arbeit mit Sichtbeton ist aufwendig und dadurch erheblich teurer als Mauerwerk, einerlei ob verputzt oder verblendet. Jedes kleine Detail muss vor der Produktion festgelegt werden, von den Aussparungen für Steckdosen, Lampen bis zum Verlauf der Leitungen.

Damit aus dem „gießbaren Marmor“ keine „Klagemauer“ hervorwächst, ist ein sehr spezielles, komplexes Wissen notwendig. Bei dem Architekten wie auch bei dem Bauunternehmen, das die Betonteile herstellt. Eine Kompetenz, die sich erst mit der Zeit aufbaut.

Sichtbeton ist nicht gleich Sichtbeton. In dem Merkblatt „Sichtbeton“ der Deutschen Beton- und Bautechnikvereins werden vier unterschiedliche Sichtbetonklassen definiert: gering, normal, besonders, besonders hoch. Textur, Porigkeit, Farbton, Ebenheit sowie die Qualität von Arbeits- und Schaltfugen bestimmen das Anforderungsprofil. Der Statiker nennt die Mindestanforderung für ein Betonprojekt – Diepenbroek jedoch erhöht die Güteklasse noch, um optimale Qualität zu gewährleisten.

Als die großen Baumeister der Moderne den Sichtbeton entdeckten, war Umweltbewusstsein noch keine den Alltag beherrschende Geistesströmung und Handlungsmaxime. Heute stehen die Dämmeigenschaften von Beton als Qualitätsmerkmal gleichrangig neben Ästhetik und Form, immerhin entfallen rund 40 Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs in der Europäischen Union auf Gebäude.

Seit mehr als einem Jahrzehnt fordert die Energieeffizienzrichtline (EPBD) des europäischen Parlaments die Begrenzung des Energiebedarfs für die Beheizung und Kühlung von Gebäuden. Gebäude aus zementgebundenen Baustoffen haben bei Untersuchungen optimale Ergebnisse für ihre Dämmeigenschaften für Temperatur und Lärm erzielt.

„Die thermische Leistungsfähigkeit von Beton wird noch nicht ausreichend wahrgenommen.“

Im Winter hält Beton die Wärme im Haus, im Sommer absorbiert er die Strahlungswärme durch die Sonne, so dass es im Haus angenehm kühl bleibt. Die thermische Leistungsfähigkeit von Beton werde jedoch, wie Dr. Martin Schneider vom Verein Deutscher Zementwerke in einem Interview mit dem Magazin greenbuilding erklärte, noch nicht ausreichend wahrgenommen.

Umwelt und Ästhetik haben dem Sichtbeton inzwischen eine Renaissance im Baualltag bereitet. Die Möglichkeiten, farbigen Beton von hoher Farbbrillanz herzustellen, Betonoberflächen gezielt zu veredeln könnten ihn laut Christoph Dauberschmidt sogar zum „Marmor der 21. Jahrhunderts“ werden lassen. Nicht einmal die Avantgarde um Mies von der Rohe und Le Corbusier hätte sich das träumen lassen.

 

Fotos: Elisa Meyer & InformationsZentrum Beton


Im richtigen Licht und einem zu ihm passenden Raum gewinnt Beton überraschend Wohnlichkeit und Wärme.


Vor fast 100 Jahren hatte Mies van der Rohe den Sichtbeton als „gießbaren Marmor“ entdeckt. Die Avantgarde der Fünfziger Jahre brachte ihn ins allgemeine Bewusstsein.



Die Qualität von Schalung und Bewehrung entscheidet wesentlich über das Erscheinungsbild von Sichtbeton. Ein guter Grund für Planer und ausführende Gewerke mit Erfahrung. Foto: Betonpumpdienst Weser