Wirth Architekten verwirklichten eine zukunftsweisende Perspektive zu neuem Wohnraum in Städten.

Die Brüder Jan und Benjamin Wirth hatten sich Bremen ausgesucht, um nach dem Studium ihre gestalterischen Ideale als junge Architekten auszuleben. Aber wo und wie? Bauräume in Bremen sind, wie in allen Städten, mehr als knapp. Für Jan Wirth, 36, drei Jahre älter als sein Bruder, ergibt sich daraus ein spezifisches Problem ihrer Architekten-Generation: „Die Städte sind bereits gebaut.“

Das Dilemma der Architekten überschneidet sich indessen mit einem Notstand der Städte: Wohnungsmangel. Und an dieser Schnittstelle haben die Brüder Wirth Möglichkeiten entdeckt, ihre gestalterischen Ideale trotzdem zu verwirklichen – selbst in engbebauten Stadtvierteln. Sie brauchten dafür bloß über die Dachtraufen alter Häuser
und Häuserreihen hinaus blicken – in die Höhe.
Um zu erkennen: „Da kann man ja oben noch was drauf bauen!“

In Bremen allerdings, so ihre Erfahrung, bekämen die meisten erst einmal einen Schreck, wenn über die Veränderung einer Gebäudehöhe gesprochen werde.
„Als ob die Bremer Traufhöhe gottgegeben ist“, sagen die beiden. Gegeben ist sie freilich durch das klassische, die Straßenzüge prägende Bremer Haus. Und durch die Gewöhnung der Bewohner an diese Perspektive.

„In vielen Straßen wurde damals einfach diese Reihenbebauung durchgemetert“, sagt Jan Wirth. „Aber wir stellen uns vor, dass in innerstädtischen, dynamischen Gegenden von der Architektur her ein wenig mehr passieren könnte“, ergänzt Benjamin. Und über die Höhenbebauung, so die Brüder, könnten viele interessante Wohnprojekte geschaffen werden.

In der Höhe gewonnener Wohnraum bedeutet mehr Bewohner auf gleichbleibender Fläche, Verdichtung des Straßenlebens, mehr Geschäfte, mehr Spezialläden – eine erhöhte Vielfalt des Lebens. „Und wir haben das Gefühl“, sagen die Architekten-Brüder, „dass dies dem Leben der Stadt gut tun würde.“
„Wenn wir durch Bremen gehen“, erzählen sie in ihrem noch jungen Büro in der Mathildenstraße, „denken wir eigentlich fast bei jedem zweiten Haus, da könnte noch was drauf.“ In ihrem jüngsten Projekt in der Kornstraße haben sie das auf eine Weise verwirklicht, dass es in den Katalog zum „Tag der Architektur“ in Niedersachsen und Bremen am 26. Juni aufgenommen wurde.

Der Eigentümer dieses Bremer Altbaus wollte die engen Kammern im Dachgeschoss „zu einem vernünftigen Wohnraum“ erweitern. Er hatte an Gauben zur Straße und zur Hinterfront gedacht. Aber daraus, dachten die Wirths, kann man doch viel mehr machen, als ein normales Schrägdach.

Gedacht, gesagt, getan: „Wir haben das Dach rausgenommen, so dass nur die beiden Giebelwände links und rechts noch standen, und dann haben wir die Wohnung als Kiste da rein geschoben. Dadurch entstanden dann diese architektonisch interessanten Dreiecke.“

Was so unspektakulär und einfach klingt, erforderte allerdings einen langen Atem, um die komplizierten statischen Aufgaben zu lösen, vor die sie die Tragswerksplanung stellte. Weil die Bausubstanz aus bröseligem Rotstein besteht, musste sie ausgemauert werden, ein Stahlbetonskelett kam hinzu, um alles zusammenzuhalten. „Von der Bautechnik her, wäre es viel einfacher gewesen, auch die Giebelwände abzureißen und die Wohnkiste einfach oben drauf zu setzen. Aber so war es von der Form und der Geometrie viel reizvoller.“ Nicht nur von außen.

„Als ob die Bremer Traufhöhe gottgegeben ist!“

Von innen geht der Blick nicht mehr allein gerade zur Straßenfront hinaus. Die Dreieckfenster an der Seite brachten eine weitere, einem Eckbau angemessene Blickachse auf die schräg gegenüber liegende Kirche hinzu. Die Raumhöhe von 4,50 Metern erlaubte es, eine zweite Ebene einzuziehen. Eine Galerie, von der man nun wie von einem behaglichen Innenbalkon in das Straßenleben hinein schaut.

Jan und Benjamin Wirth lebten in der Kornstraße allerdings nicht nur ihre gestalterischen Ansprüche und Vorstellungen aus, sondern realisierten bereits eine aktuelle Perspektive für die Lösung der Wohnungsnot in Städten. Eine Studie der Technischen Universität Darmstadt und des Pestel Instituts für Systemforschung in Hannover ergab, dass durch Aufstockung bestehender Altbauten um nur eine Etage in den deutschen Städten rund 1,5 Millionen neue Wohnungen geschaffen werden könnten.
Das Potenzial, so der Wissenschaftler Tichelmann von der TU Darmstadt, sei enorm und die Vorteile lägen auf der Hand: Für die Wohnungen werde kein zusätzliches Bauland benötigt, die Infrastruktur an Kanal- oder Versorgungsleitungen sei bereits vorhanden und durch die Aufstockung ließe sich der Energiebedarf des darunter liegenden Geschosses reduzieren. Die Auswahl der Gebäude, die für eine Dach-Aufstockung in Frage kommen, wurde laut TU Darmstadt unter den Gesichtspunkten Denkmalschutz und Erhalt des Stadtbildes vorgenommen.
Das spielt auch für Jan und Benjamin Wirth eine Rolle: „Die Kornstraße ist eine lange, alte Verbindungsachse. In der Bebauung total heterogen. Viele verschiedene Maßstäbe, Hausformen, Nutzungen. Reihenhäuser, mal eine Kirche, mal eine Schule.“ Mit der aus dem Rahmen fallenden Formensprache ihrer Wohnung fügten sie der Vielfalt der Straße eine reizvolle Variation hinzu.

„Wir hatten uns auf ganz schön viel Gegenwind von den Anwohnern eingestellt“, erzählen sie, „doch die Reaktionen waren durchweg positiv. Viele waren richtig froh, dass an dieser Stelle
mal etwas Spannendes passierte.“

Altes mit Neuem verschmelzen! Wie eine zur Person gewordene Metapher ihrer Philosophie vom Bauen erschien eines Tages ein 90 Jahre alter Herr, um sich einmal anzusehen, was diese beiden jungen Architekten aus dem Haus, das sein Großvater gebaut hatte, gemacht hatten.
Er fand es großartig.

„Kürzlich hatten wir ein Planungsgespräch mit künftigen Bauherren“, erzählt das Architekten-
Brüderpaar. „Sie sagten, sie könnten sich ein Haus vorstellen, so ähnlich wie eines, das sie in der Kornstraße gesehen hätten. Und das war dies.“

 

Fotos: Christian Burmester



Perspektivwechsel: Was lediglich zu einem „vernünftigen Wohnraum“ umgebaut werden sollte, entwickelte sich zu einem innovativen Wohnprojekt mit Galerie als Innenbalkon.

WIRTH ARCHITEKTEN

Brueder-WirthFür die Brüder Jan und Benjamin Wirth war Bremen die klare erste Wahl, um nach dem Studium ihr eigenes Architektenbüro zu gründen. Hier entdeckten sie viele Bezirke, wo sie ihre Ideale von Architektur verwirklichen konnten. Denn für sie geht Leidenschaft am Bauen über die Frage wie lukrativ ein Projekt ist.

 

WIRTH ARCHITEKTEN– Mathildenstraße 17 – 28203 Bremen – Telefon 0421 70824159
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